03/2018
UNIZEIT
7/11
© Uni Graz/Kanizaj

An der Basis

Technologien zum Klimaschutz lassen sich nicht aus dem Boden stampfen. Krebsmedikamente brauchen jahrzehntelange Entwicklungszeit. Für innovative Lösungen muss die Wissenschaft neue Pfade beschreiten, die sich unter Umständen als Sackgasse entpuppen. Gleichzeitig sind viele große Errungenschaften des 21. Jahrhunderts durch Zufall entstanden, meint auch Physiker Axel Maas. Qualitätsvolle Grundlagenforschung bringt’s also, auch wenn konkrete Anwendungsmöglichkeiten am Anfang noch nicht absehbar sind.

von Dagmar Eklaude

Physiker Axel Maas forscht nach dem kleinsten Baustein des Kosmos, um den Ursprung des Universums zu ergründen. Diese Suche bringt die Menschheit nicht weiter, heilt weder Krankheiten, noch löst sie politischen Konflikte. Es ist die pure Neugier, die viele Menschen in ihren Bann zieht und den Wissenschafter antreibt. Ist es auch vertretbar, mit öffentlichen Geldern einfach so ins Blaue zu forschen?

„Nebenprodukte der Grundlagenforschung sind nicht vorhersehbar, da stolpert man förmlich darüber.“ Axel Maas

Ja, betont Maas. Denn nur so lassen sich neue Technologien oder neue Materialien entwickeln. „Es hat oft mehrere Jahrzehnte gebraucht, bis deren Nutzen sichtbar war“, weiß der Teilchenphysiker. Auf seinem Gebiet arbeitet die Wissenschaft an der Grenze des aktuell technisch Machbaren. Im Bestreben voranzukommen, passiert viel Kollateralforschung: „Das CERN füllt eine ganze Website mit den Nebenprodukten, die zum Patent angemeldet sind.“ Das sind Errungenschaften, die sich auch im Alltag nutzen lassen, allen voran das WorldWideWeb. Auch Cloud Computing ist durch die Arbeit am Teilchenbeschleuniger erst notwendig geworden. Die nächsten absehbaren Entwicklungen betreffen den Umgang mit Big Data und künstliche Intelligenzen. „Das Schweizer Forschungs­zentrum hat mehr Daten produziert als alle Facebook-Uploads zusammen ausmachen. Die muss man handlen und verstehen. Künstliche Intelligenzen könnten helfen, sinnvolle Ergebnisse herauszufiltern“, prognostiziert Maas.

Mit Minneliedern wirbt in Zeiten von Social Media wohl kaum noch ein Freier um eine Dame. Auch interessiert die Frage, wie die deutsche Sprache vor 500 Jahren geklungen haben mag, nur eine Minderheit der Bevölkerung. Dennoch haben Mittelalter-ForscherInnen der Universität Graz eine bemerkenswerte Brücke aus der dunklen Zeit in die Gegenwart gebaut. Karin Kranich ist eine von ihnen. Sie setzt sich mit Rezepten und Heilkunde auseinander und hat dabei so manches vergessene Wissen wiederentdeckt. Wie die Küche des einfachen Volkes ausschaute und was den Gaumen bei herrschaftlichen Festtafeln verwöhnte, hat sie ebenfalls erforscht und für die heutige Zeit aufbereitet. Dank dessen kann man sich nun unverständliche Texte buchstäblich auf der Zunge zergehen lassen.

Neue Wege eröffnen neue Perspektiven und führen zu neuen Ergebnissen: Aus diesem Grund hat die Universität Graz eine eigene Förderschiene für unkonventionelle Forschung eingerichtet. In einem so finanzierten Projekt arbeiten zwei MathematikerInnen mit zwei KünstlerInnen zusammen und lassen sich gegenseitig inspirieren. „Der Dialog und eine naive, kreative Sicht auf die Arbeit führt uns alle zu neuen Ideen und Lösungen“, schildern Karin Baur und Klemens Fellner vom Institut für Mathematik und Wissenschaftliches Rechnen. So bringen sich die unterschiedlichen Disziplinen gegenseitig weiter, auch zum Nutzen für ein breiteres Publikum. Projektmitarbeiterin Tamara Friebel etwa „übersetzt“ Strukturen und Algorithmen in Klänge. Gemeinsam mit dem Kompositions-Professor und Computermusiker Gerhard Eckel arbeitet Fellner außerdem daran, den „Dome of Visions“ in Stockholm in ein kollektiv klingendes Instrument zu verwandeln.
Ihre Vision ist es, die Ergebnisse auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, an einem Ort der Begegnung, an dem sich die Gesellschaft von der Wissenschaft inspirieren lassen kann und umgekehrt.

In unserem Projekt sind viele neue Ideen entstanden, die ohne den naiven Input aus den anderen Fachrichtungen nicht möglich gewesen wären. Klemens Fellner