1/2019
UNIZEIT
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Frei schwimmen

Die Sponsionsrolle in der Hand und den Kopf randvoll mit Wissen starten junge Menschen nach ihrem Studienabschluss in die Zukunft – aber nicht immer ins Berufsleben. Um dort erfolgreich einzutauchen, braucht es neben Fachkenntnissen sogenannte Schlüsselkompetenzen, unter anderem in der sozialen Interaktion. Deshalb hat die Universität Graz spezielle Angebote geschaffen, die die Studierenden beim Erwerb dieser Fähigkeiten unterstützen.

von Gudrun Pichler


Fachwissen allein reicht nicht aus, um sich beruflich – und übrigens auch privat – mit eigenen Vorstellungen kon­struktiv einzubringen. Kompetenzen in der Selbstwahrnehmung und Selbstorganisation, in der Kommunikation, Kooperation und Konfliktlösung sowie in verantwortungsbewusstem gesellschaftlichem Handeln sind wesentliche Aspekte einer Persönlichkeit.

Zentrum für Soziale Kompetenz
Um Studierende für persönliche, berufliche und soziale Herausforderungen zu rüsten, wurde bereits vor 19 Jahren an der Universität Graz das Zentrum für Soziale Kompetenz (ZSK) gegründet. Es bietet Lehrveranstaltungen, die im Rahmen eines Studiums an der Universität Graz oder TU Graz anrechenbar sind. Die Lehrenden vermitteln wissenschaftlich fundierte Inhalte und bringen reiche Praxiserfahrung mit. „Wichtig ist uns, Studierende verschiedener Disziplinen zusammenzubringen. Im Rahmen eines Studiums bekommt man leicht einen fachlich eingeschränkten Blickwinkel. Dem wollen wir entgegenwirken“, erklärt Sascha Ferz, Leiter des ZSK. „1 200 Studierende nehmen jährlich an unseren Programmen teil“, freut sich der Jurist und Experte für Mediation über die große Nachfrage.
Das Lehrangebot des Zentrums reicht von Stress- und Zeitmanagement über Kommunikation bis hin zu Konfliktlösung. Zum einen geht es darum, sich der eigenen Person und des eigenen Handelns bewusst zu werden. Zum anderen sollen Kompetenzen erlernt werden, die für die gemeinsame Erreichung von Zielen notwendig sind, wie zum Beispiel Teamfähigkeit. Sehr gefragt sind Veranstaltungen in den Bereichen Rhetorik, Gesprächs- und Führungskompetenzen, weiß Ferz.
Ein besonderes Angebot gibt es zum Konfliktmanagement: Seit dem Wintersemester 2009/10 ist das Zentrum für Soziale Kompetenz mit seinem selbst entwickelten Kursprogramm eine vom Bundesministerium für Justiz zertifizierte Ausbildungsinstitution für Mediation.
Junge Menschen anzuregen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, stellt einen weiteren Schwerpunkt dar. „In einem Projekt haben Studierende Maßnahmen zur Verbesserung der Kommunikation zwischen MitarbeiterInnen und BewohnerInnen eines Pflegeheims erarbeitet und umgesetzt“, nennt Ferz ein Beispiel.

Service Learning
Ähnliche Ziele verfolgt das Konzept des Service Learning: Studierende lernen, theoretisches Wissen in Form eines Projektes in Zusammenarbeit mit einer gemeinnützigen Einrichtung praktisch umzusetzen. Die Chance bietet die Sportwissenschafterin Sylvia Titze ihren Studierenden seit vielen Jahren mit ihrer Lehrveranstaltung „Projektorganisation“. Die Aufgabe besteht darin, Sport- und Bewegungsangebote zu konzipieren, umzusetzen, filmisch zu dokumentieren und bei einer Abschlussveranstaltung öffentlich zu präsentieren. „Die Studierenden unterstützen Menschen dabei, Sport zu treiben. Gleichzeitig erwerben und erproben sie dabei fachliche und soziale Kompetenzen, die sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern“, so Titze über den Mehrfach-Gewinn.
Im vergangenen Semester standen drei Kooperationen zur Auswahl: Bewegungseinheiten für BewohnerInnen eines Pflegewohnheims, Fußball-Training für geflüchtete junge Männer und ein Schwimmkurs für Musliminnen.
Für letztere entschieden sich die Sportwissenschaft-Studierenden Bibiane Kortschak, Nike Eibel und Martina Lanschützer. Sie gestalteten jede Woche eine einstündige Schwimm­einheit für muslimische Frauen. Die 14 Teilnehmerinnen des Kurses, der gemeinsam mit dem Verein „SOMM – Selbstorganisation von Migrantinnen und Musliminnen“ angeboten wurde, waren größtenteils Nicht-Schwimmerinnen.
Das Angebot wurde von den Frauen sehr gut angenommen, und die drei Studierenden lernten dabei viel: „Das Übernehmen von Verantwortung, die selbstständige Gestaltung der Einheiten, die Begegnung und Auseinandersetzung mit einer uns unbekannten Kultur – das alles waren wertvolle Erfahrungen.“

KLUG
Um den Erwerb von am Arbeitsmarkt besonders nachgefragten Schlüsselkompetenzen noch stärker zu forcieren, hat die Universität Graz im Jahr 2018 das Projekt „KLUG – Kompetenzen lernen Uni Graz“ ins Leben gerufen. Das Konzept wurde von Alfred Gutschelhofer, Leiter des Instituts für Unternehmensführung und Entrepreneurship, initiiert. „KLUG versteht sich als Brückenprogramm zwischen Universität, Wirtschaft und Gesellschaft, das über Projekte und Veranstaltungen mit hohem Praxis- und Anwendungsbezug die Employability von Jung­akademikerInnen verbessern soll“, so Gutschelhofer. Das Angebot richtet sich zielgruppenspezifisch an Studierende aller Fachrichtungen in einer fortgeschrittenen Phase des Studiums und an AbsolventInnen beim Einstieg ins Berufsleben. Sie sollen lernen, ihr Wissen wirkungsvoll einzusetzen, um erfolgreich in die Karriere zu starten.

KLUG hat vor allem Anforderungen im Visier, die der rapide Wandel des Arbeitsmarktes mit sich bringt, wie zum Beispiel Kompetenzen im Umgang mit der digitalen Welt oder die Fähigkeit, kreativ zu denken, um innovative Lösungen zu entwickeln. Das fordert und fördert insgesamt die Persönlichkeitsentwicklung der jungen Menschen. „Als Schnittstelle zur Praxis bringt die kompetenzorientierte Plattform KLUG in Workshops und Coachings, Events und Diskussionsveranstaltungen oder Think-Tanks Studierende und AbsolventInnen mit VertreterInnen aus der Wirtschaft sowie Interessierte der breiteren Öffentlichkeit zusammen. Dadurch entstehen auch wertvolle Netz­werke“, unterstreicht Gutschelhofer.

Eine tragende Säule der Plattform ist zudem das Erweiterungsstudium „Leadership – eigenverantwortlich Handeln in Gesellschaft und Wirtschaft“, das im Wintersemester 2018/19 erstmals an der Universität Graz angeboten wurde. Es soll Studierenden eines Master- beziehungsweise Diplomstudiums ermöglichen, fachübergreifende, arbeitsrelevante und persönlichkeitsnahe Kompetenzen zu erwerben, die zusätzlich zum inhaltlichen Wissen Werthaltungen und Handlungsfähigkeiten prägen. Denn mit einem akademischen Titel ist schließlich auch der Auftrag verbunden, das erworbene Wissen zum Wohl der Gesellschaft einzusetzen, wie es alle AbsolventInnen bei der Sponsionsfeier versprechen.

Dialog mit der Praxis
Bilden oder ausbilden?