1/2019
UNIZEIT
10/11
© Uni Graz/Eklaude

Probieren und studieren

Caroline List ist seit Oktober 2018 Vorsitzende des Universitätsrates der Universität Graz, an der sie selbst Rechtswissenschaften studiert hat. Die Studienzeit hält die Juristin für eine wichtige Phase in der Persönlichkeitsentwicklung, die insbesondere durch intellektuellen Austausch, internationale Erfahrungen und Einblicke in verschiedene Berufsfelder geförderte werde.

von Gudrun Pichler


Als Richterin und seit 2017 Präsidentin des Landesgerichts für Strafsachen Graz hat Caroline List Einblicke in das Leben vieler verschiedener Menschen bekommen. Sie weiß:

Besonders prägend – das bestätigt sich immer wieder – sind Erfahrungen, die man im Alter zwischen 15 und 20 macht. Aber auch die folgenden Jahre spielen für die Persönlichkeitsentwicklung eine entscheidende Rolle. Das heißt, dass Erfahrungen während der Zeit des Studiums junge Menschen in ihrer weiteren Entwicklung maßgeblich beeinflussen.

Was die Juristin – auch aus eigenem Erleben – für besonders wichtig hält, ist die Möglichkeit, sich mit intellektuell hoch gebildeten Menschen auszutauschen.

Ich betrachte es als eine Hauptaufgabe der Universität, dazu anzuregen, denken zu lernen. Heute sind die Universitäten verschulter als zu meiner Zeit, was ich aber durchaus positiv sehe, weil die Studierenden in den Lehrveranstaltungen anwesend sein und sich mit den Lehrenden auseinandersetzen müssen. Dabei lernen sie, wie man einander begegnet, wie man diskutiert und Argumente formuliert. Kompetenzen, die im Berufsleben ebenso wie privat wichtig sind.

Die Studienzeit sollte auch Gelegenheit bieten, Berufsfelder, in die man später einmal gehen möchte, kennenzulernen und auszuprobieren, meint List, die selbst erst im Gerichtsjahr gewissermaßen ins kalte Wasser geworfen wurde und den Praxisbezug in ihrem Studium in den 1980er-Jahren vermisste.

Tätigkeiten auszuprobieren, erleichtert die Berufswahl enorm und bewahrt vor falschen Entscheidungen. Es ist für junge Leute allerdings nicht immer leicht, einen Praktikumsplatz in einem speziellen Bereich zu finden. Die Universität könnte die Studierenden dabei durch ihre Kontakte unterstützen.

Neben Praxis fordert die Juristin auch verpflichtende Auslandsaufenthalte, die in jedes Studium eingebunden sein sollten, schon allein wegen der fortschreitenden Europäisierung aller Lebensbereiche.

Ich glaube, dass man in Zukunft ohne grenzüberschreitende Kooperationen kaum mehr einen Beruf ausüben kann. Auf Auslandsaufenthalte zu verzichten, nur um das Studium schneller abzuschließen, wäre keine gute Entscheidung. Internationale Erfahrungen fördern nicht nur Fremdsprachen-Kompetenzen, sondern auch die Persönlichkeitsentwicklung allgemein.