1/2019
UNIZEIT
9/11

Raus aus der Komfortzone

Der Juristensohn wird selbst eine erfolgreiche Anwaltskanzlei leiten, die Tochter der Universitätsprofessorin preisgekrönte Forscherin werden. So weit die – nicht ganz unbegründeten – Klischees. Dass einem die Karriere aber nicht in die Wiege gelegt werden muss, zeigen unzählige außergewöhnliche Persönlichkeiten. Die Theologin Gunda Werner und der Firmenchef Friedrich Santner sind zwei davon.

von Dagmar Eklaude


Gunda WernerHerausragende Schulnoten werden oft als Eintrittskarte in ein erfolgreiches Berufsleben gesehen. Manchmal legt aber auch das Gegenteil den Grundstein für eine außergewöhnliche Karriere. Gunda Werner schaffte die strengen Numerus-Clausus-Vorgaben für ihr Wunschstudium Biochemie nicht und entschied sich daher für ihr zweites Steckenpferd, die Theologie. Seit April 2018 ist die 1971 geborene Bonnerin die erste Professorin für Dogmatik an der Universität Graz. Und das, obwohl sie sich erst sehr spät für eine wissenschaftliche Laufbahn entschied – nach zwei Jahrzehnten Berufserfahrung in verschiedensten sozialen Bereichen, unter anderem der Altenpflege und der Jugendseelsorge. Und nach einer mehr als 400-tägigen Fahrradreise von ihrer Geburtsstadt nach Tokyo, vornehmlich durch islamische Länder. „In dieser Zeit habe ich einen neuen Blick auf den Alltag anderer Menschen bekommen“, erzählt Werner.  Die Erfahrungen mit fremden Kulturen waren für die Theologin generell prägend. Schon als Schülerin verbrachte sie ein Jahr in den USA und steht heute noch in Kontakt mit ihrer Gastfamilie. Mehr geformt als alles andere hat sie aber ihre nicht-akademische Arbeit – „auch die ehrenamtliche in der Telefonberatung der AIDS-Hilfe“, betont Werner. Ihre jetzige, wie sie selbst sagt „privilegierte“ Position als Universitätsprofessorin will sie folglich keinesfalls als Krönung der Karriere betrachten: „Ich muss aufpassen, dass ich es mir auf meinem Olymp nicht gemütlich einrichte und den Zaun anbelle.“ Irgendwann einen längeren Auslandsaufenthalt im Rahmen eines freiwilligen Dienstes zu planen, wäre für sie ein theologisches Anliegen. Auf Kongressen wählt sie Jugendherberge statt Luxushotel, um den Bezug zu den Menschen nicht zu verlieren.Ihre Studierenden will Werner zu kritischem Denken anregen und ermutigen, über ihre bisherigen Grenzen hinauszublicken. „Theologie ist liberal, tolerant, pluralitätsfähig. Das, was als Wahrheit bezeichnet wird, ist historisch gewachsen, könnte also auch anders sein und darf somit hinterfragt werden“, unterstreicht sie.

Friedrich SantnerDass Friedrich Santner einmal ein international tätiges Unternehmen leiten würde, hätte er sich in seiner Studienzeit nicht ausgemalt, vielmehr hatte er einen Job als Kinderpsychotherapeut vor Augen. Der 59-jährige Geschäftsführer des Messtechnik-Spezialisten Anton Paar arbeitete während des Psychologie- und Pädagogik-Studiums an der Universität Graz als Erzieher und legt auch seine jetzige Position teamorientiert aus. „Ich bin in einem SOS-Kinderdorf aufgewachsen und war in meiner Schulzeit acht Jahre lang in einem katholischen Internat. Das Leben in großen Gruppen hat mich sicherlich in meiner Arbeitshaltung und meinem Führungsverständnis geprägt“, berichtet der vierfache Familienvater, der mehreren Vorstandsgremien und Aufsichtsräten angehört.Nach seiner Heirat 1981 war er mit Aufgaben im Familienunternehmen konfrontiert, das der Urgroßvater seiner Frau gegründet hatte. Durch zusätzliche Ausbildungen eignete er sich das nötige Know-how an, um in den Betrieb einzusteigen, zunächst als Verantwortlicher für Marketing, Vertrieb und Personal, ab 1997 als alleiniger Geschäftsführer. Auf soziale Aspekte legt er nach wie vor größtes Augenmerk. „Wir wollen unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern langfristig einen sicheren Arbeitsplatz bieten. Dafür ist freilich notwendig, dass jede und jeder Verantwortung übernimmt, sich an Entscheidungsprozessen beteiligt, offen, freundlich und ehrlich ist.“ Auf eine authentische Präsentation und soziales Engagement im Lebenslauf achtet der Manager bei BewerberInnen besonders. Die Grundpfeiler für ein erfolgreiches Miteinander im Unternehmen fasst er so zusammen: „Respekt vor jedem einzelnen Menschen, Orientierung am Gemeinwohl und Solidarität“.Wesentlich nüchterner hört sich Santners Interpretation der persönlichen Weiterentwicklung an: „Die Erfahrung wächst weiter, das Wissen nimmt nicht mehr ganz so stark zu.“ Kinder und Enkelkinder würden aber sicherstellen, dass er sich ausreichend mit der Zukunft beschäftigt, der eigenen und der des Unternehmens.

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