1/2020
UNIZEIT
8/15
© Uni Graz/Konstantinov

Kräftemessen

Wir suchen Austausch und Anschluss in der virtuellen Welt, unser Privatleben ist längst öffentliches Gut. Eine neue Dimension erreicht das Verlangen nach Selbstbestätigung mit der Nutzung von Fitness-Apps: Jeder Schritt wird mitverfolgt, der Pulsschlag verglichen, die Ernährung dokumentiert. Welche Personen machen von dieser Technologie Gebrauch? Was bringt ihnen das? Und warum tauschen sie sich über ihre Gesundheit aus? Diesen Fragen ist die Kulturanthropologin Barbara Frischling nachgegangen.

von Dagmar Eklaude


Als 2015 die Apple Watch präsentiert wurde, kam die Digitalisierung so nah am Körper an wie noch nie zuvor. Mittlerweile bestimmt sie für so manche buchstäblich jeden Schritt im Alltag. Selbst wer seine oder ihre inneren Werte nicht auf sozialen Medien verbreitet, setzt die Gesundheitsdaten dem Missbrauch aus. „Wir geben über die Technik unglaublich viel von uns den dahinterstehenden Konzernen preis. Aus welchen Motiven Menschen sich derart durchsichtig machen, hat mich interessiert“, schildert Barbara Frischling vom Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Universität Graz. Sie hat sowohl im Selbstversuch als auch durch Interviews und Beobachtungen analysiert, welchen Nutzen Fitness-Apps haben – und wo eventuelle Fallen lauern.
Nahezu jedes Smartphone hat zumindest einen Schrittzähler installiert, dazu gibt es zahllose auch kostenfreie Anwendungen, die Laufstrecken mitverfolgen, verbrauchte Kalorien berechnen oder gezielte Übungen zum Fettab- beziehungsweise Muskelaufbau erstellen. Smartwatches und Fitness-Armbänder messen neben dem Puls die Sauerstoffsättigung im Blut und analysieren sogar den Schlaf. Gebrauch davon machen bei weitem nicht nur Teens und Twens. Selbst SeniorInnen dokumentieren ihre Aktivitäten digital.
„Diese Werkzeuge können grundsätzlich positiv wirken, weil die Leute dazu animiert werden, Sport zu treiben und mehr für ihre Gesundheit zu tun.“ Abhängig sei das jedoch von den persönlichen Lebensumständen und Bedürfnissen, urteilt die Wissenschafterin. Sie führt einige Beispiele an: Der 32-jährigen Daniela wurde nach einer Herzoperation eine App empfohlen, mit der sie seither ihre Schritte spielerisch dokumentiert und dadurch eine zusätzliche Motivation findet, sich zu bewegen.
Lydia, 38 Jahre, leidet seit Jahren an Depressionen und verwendet das geliehene Fitness-Armband eines Freundes dazu, mehr Aktivitäten an der frischen Luft in ihren Alltag einzubauen. Das digitale Trainingsprogramm und die Freude an den Zahlen geben ihrem Alltag eine Struktur, an der sie sich festhalten und wieder aufrichten kann.
Die 22-jährige Studentin Bernadette macht gezielte Übungen mit einer Workout-App, die besonders schnell am Körper sichtbare Erfolge bei minimalem Zeitaufwand verspricht. Dies lässt sich gut in ihren Wochenplan integrieren – sie arbeitet dem Studium teilzeitbeschäftigt im Handel. Die App vergleicht Bernadettes Trainingsleistung mit der anderer NutzerInnen und motiviert sie immer wieder, ihre eigene Zeit zu übertrumpfen. Außerdem erhält sie per E-Mail Tipps zu Lebensstil und Ernährung, die ihren Körper weiter optimieren sollen.
Sosehr der Vergleich mit der Community viele anspornt, so gefährlich kann er in Frischlings Augen unter Umständen auch sein: „Man muss immer darauf achten, welchen Idealen die NutzerInnen nacheifern. Wenn Jugendliche zu Essstörungen neigen, kann die kontinuierliche Motivation zu erhöhtem Kalorienverbrauch und intensiviertem Training auch problematische Effekte haben.“
Überhaupt treibt der Austausch über den „richtigen“ Lebensstil mitunter seltsame Blüten. „Es laufen heftige Diskussionen über das angeblich gute und gesunde Leben. Welche Übung die beste ist und wie man sich richtig ernährt, ist heiß umstritten“, hat Frischling mitverfolgt. Die TeilnehmerInnen wollen sich positionieren und von anderen Lebensstilen abgrenzen. Die Wissensstände über tatsächlich förderliche Maßnahmen für den eigenen Körper sind dabei höchst unterschiedlich. Auch die Erkenntnis, dass es nicht ein Richtig oder Falsch gibt, das für alle Individuen gilt, ist nicht immer vorhanden. Gleich schnell oder gleich fit wie andere sein zu wollen, kann dann auch ungünstigen Druck erzeugen.

Das Diktat der Zahlen
Extern festgesetzte Normen werden für den eigenen Körper oft als Maß aller Dinge angesehen. So lautet etwa eine gängige Empfehlung, dass 10 000 Schritte am Tag gesund sind. Viele Apps geben positives Feedback, sobald diese Marke erreicht ist. „Die NutzerInnen glauben folglich sehr stark an solche Zahlen, hinterfragen aber nicht, ob diese für sie selbst in der aktuellen Lebenssituation auch wirklich passen“, wirft Frischling ein. Für sie fügt sich diese Einstellung in einen allgemeinen Trend in unserer Gesellschaft: Als Erfolg gelten quantifizierbare Errungenschaften. Was sich zählen lässt, scheint vergleichbar und objektiv zu beurteilen. „Das wirkt sich auf das Privatleben und den Freizeitbereich aus und spiegelt sich sogar in der Ratgeberliteratur wider“, erklärt die Forscherin. Dort dominieren Titel wie „In fünf Schritten zu …“, „Zehn Tipps für …“ et cetera. Als potenzielle Erfolgsrezepte vermitteln sie den Eindruck, dass der Weg zum Ziel einfach und schnell ist.
Abgesehen von dieser Absolut-Setzung bestimmter Normen ohne Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse ortet Barbara Frischling ein weiteres Problem in der intensiven Nutzung von Fitness-Apps. Viele Hobby-SportlerInnen messen nicht nur Puls und Schritte, sondern geben die zu sich genommenen Kalorien ein, führen online Ernährungstagebücher und lassen sogar ihren Schlaf überwachen. „Alle diese Daten werden zentral gespeichert und sind damit in den Händen großer Konzerne.“ Was dort damit passiert, ob sie weiterverkauft werden, lässt sich schwer nachvollziehen, zumal außerhalb Europas auch andere Datenschutzrichtlinien gelten.
Ganz unverblümt nutzen manche Versicherungen intime Angaben ihrer KlientInnen. Sie ermutigen sie zur Verwendung von Fitness-Armbändern und locken mit vergünstigten Prämien für zurückgelegte Schritte oder anderes Verhalten, das Krankheiten vorbeugen soll. Selbst Betriebe geben Gadgets an MitarbeiterInnen aus, um sie zu gesundheitsförderlichen Maßnahmen zu motivieren. „Das greift sehr weit in den privaten Bereich ein, vor allem, wenn auch der Schlaf mit überwacht wird“, kritisiert Frischling. Unter Umständen steht das dann in Zusammenhang mit einer Leistungserwartung, denn ausgeschlafene Beschäftigte sind produktiver und weniger fehleranfällig. „Es muss immer noch mir selbst überlassen bleiben, ob ich vielleicht einmal länger aufbleibe, weil ich fortgehen oder mir noch einen Film im Fernsehen anschauen möchte“, unterstreicht die Forscherin.
Wie bei allen smarten Technologien sollten wir also abwägen, ob die Bequemlichkeit, die sie bringen, wirklich in sinnvoller Relation zu den höchst persönlichen Informationen steht, die wir im Gegenzug gratis an Konzerne liefern und zum potenziellen Missbrauch freigeben.

Smartes Spiel