1/2020
UNIZEIT
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© Uni Graz/Konstantinov

So lange es um reine Ja- oderNein-Urteile geht, können Computer eine gute Hilfestellung sein. Oft geht es aber um ein Abwägen und Einschätzen, da muss der Mensch die Entscheidungshoheit behalten“, betont Thomas Gremsl vom Institut für Ethik und Gesellschaftslehre. Denn in solchen Prozessen spielen nicht nur nackte Fakten eine Rolle, sondern auch Solidarität, Weitblick und ein Gewissen. All das lässt sich nicht programmieren. „Wir müssen dafür sorgen, dass wir über die Maschine bestimmen und nicht umgekehrt“, unterstreicht der Forscher. Deshalb fordert er, dass er und seine FachkollegInnen frühzeitig in die Entwicklung neuer Technologien involviert werden, um ihre Sichtweise einzubringen. Dann könnten im Vorfeld gewisse Fragen geklärt und mögliche unerwünschte Nebenwirkungen vermieden werden.
„Es gibt zweifellos ganz positive Aspekte der Digitalisierung. Wichtig ist, dass der Mensch nicht zum Objekt und in seiner Freiheit und Entscheidungsautonomie beschränkt werden darf“, unterstreicht Gremsl. Nicht alles, was möglich ist, ist auch nützlich, ergänzt er. Bei all seinen Vorteilen erhöht beispielsweise das Smartphone nachweislich die Stress- und Burnout-Raten.

Achtung, Zauberlehrling!
Künstliche Intelligenz beäugt Gremsl besonders vorsichtig: „Hier betreten wir neue Sphären und haben keine Versuchsobjekte.“ Bislang war der Mensch in seiner Vielfalt allen Geräten überlegen. „Ein Backofen kann backen, aber nicht Rasen mähen. Künstliche Intelligenz lernt allerdings immer dazu“, stellt der Forscher einen plakat­iven Vergleich an.
Derzeit werden technische Erneuerungen aus wirtschaftlichen Interessen vorangetrieben ohne zu wissen, wofür sie dann auch sinnvoll eingesetzt werden können. „Wir forschen blind in die Technologie hinein. Eine menschengerechte Gestaltung ist im Nachhinein unter Umständen schwierig“, moniert der Experte. Neue Lösungen sollten ein gutes Leben für möglichst viele sicherstellen, nicht nur für einige Gruppen.
Die große Herausforderung für alle Beteiligten – vor allem für potenzielle NutzerInnen – ist der rasante Fortschritt. „Wir wissen nicht, wo es in zehn Jahren hingeht, die Entwicklung hat einen unsicheren Ausgang“, meint der Ethiker. Umso wichtiger ist es für ihn, den Prozess bis dorthin aktiv begleiten zu können. Dafür bräuchte es auch mehr Forschungsgelder für die Geisteswissenschaften, die die Gesellschaft rechtzeitig auf Neuerungen vorbereitet beziehungsweise abklärt, ob sie wirklich benötigt werden.

‹‹Wollen wir wirklich, dass die Technik unser Leben bestimmt und eine Dating-App uns die Partnerwahl abnimmt?›› 
Thomas Gremsl




Digitaler Schiedsrichter
Eine Innovation, mit der sich Gremsl intensiv auseinandergesetzt hat, ist der 2018 eingeführte Videobeweis im Fußball. „Hier hat man auf wirtschaftlichen Druck in die Technik investiert und entfernt sich dabei immer weiter vom Menschen“, fasst der Forscher zusammen. Bessere Schulungen von Schiedsrichtern hätten zu ähnlichen Ergebnissen geführt, ohne Spiele unterbrechen zu müssen. Die schwarzen Männer analysieren im Zuge ihrer Ausbildung Fernseh-Mitschnitte. Bilder von Bodycams würden aber eine realistischere Perspektive im Match wiedergeben und so eher helfen, Situationen richtig einzuschätzen und zu beurteilen. Top-Referees liegen ohnehin laut aktuellen Studien zu 94 Prozent richtig mit ihren Entscheidungen. Die Technik schafft es auf 99 Prozent – aber bringt markante Einbußen für die ZuschauerInnen mit sich.
Was dem Theologen und eingefleischten Fußballfan noch sauer aufstößt, ist die Ungleichheit zwischen finanziell potenten Ligen und dem Amateurbereich. Dort wird aus Kostengründen auf technische Unterstützung verzichtet. Außerdem gibt es ohnehin lediglich vier konkrete Fälle im Spiel, in denen der Videobeweis berücksichtigt werden darf.
Anstatt den Sport noch stärker zu verwirtschaftlichen, sollte eine Kultur des Fehlers etabliert werden. „Der Mensch kann und muss nicht perfekt sein, selbst wenn es um hohe Transfersummen oder Werbeeinnahmen geht“, plädiert Gremsl. Gleichzeitig warnt er vor blindem Vertrauen in den Videobeweis: „Eine Manipulation durch Hacking ist hier theoretisch möglich, wird aber gar nicht in Betracht gezogen.“ Falsch kalibrierte Abseitslinien sind tatsächlich schon vorgekommen. Auch die als absolut angesehene Technik ist nicht fehlerfrei.

Vielfalt fördern
Automatisierte Entscheidungshilfen kommen bereits in vielen Lebensbereichen zum Einsatz. Heftig diskutiert war beispielsweise ein Algorithmus des Arbeitsmarktservice, der automatisiert passende Personen für Jobs vorauswählen soll. „Warum brauchen wir das? Können wir uns darauf verlassen, dass die Maschine nicht im Vorfeld schon diskriminiert? Wer trägt die Verantwortung für Fehler – die EntwicklerInnen oder die NutzerInnen?“ Diese Fragen hätten aus der Sicht des Ethikers schon im Entstehungsprozess des Programms geklärt werden müssen, sind aber nach wie vor offen. Gremsl ist überzeugt, dass technische Lösungen detaillierter untersucht und mehrere Alternativen betrachtet werden müssten, um einen größeren Nutzen zu bringen. Als unausweichliche Ankerpunkte sollten dabei gesellschaftliche Werte herangezogen werden. Außerdem dürfe die Welt nicht auf Nullen und Einsen reduziert werden. „Wir bleiben analog. Wir verwenden Dating Apps, um Menschen real zu treffen, nutzen Instagram, um Urlaubsdestinationen anzuschauen, die wir tatsächlich bereisen wollen.“

Mensch oder Maschine?