1/2020
UNIZEIT
14/15
© Uni Graz/Eisenberger

Morgen beginnt heute

Sie ist angetreten, um die Digitalisierung in der universitären Kultur fest zu verankern: Vizerektorin Petra Schaper-Rinkel über die Chancen neuer Technologien, Herausforderungen und Potenziale am Standort sowie die digitale Souveränität Europas

von Gerhild Leljak


Inwieweit beeinflussen technologische Veränderungen und zunehmend digitalisierte Geschäftsmodelle die europäischen Universitäten?
Wir stehen auf unserem Kontinent vor einem Dilemma: Einerseits werden wir immer abhängiger von zentralen Zukunftstechnologien, insbesondere dem Machine Learning als einem Teilgebiet von künstlicher Intelligenz. Andererseits haben wir immer weniger Einfluss auf diese Werkzeuge, die unser Leben bestimmen, weil sie außerhalb von Europa entwickelt und von wenigen globalen Unternehmen vorangetrieben werden. Wir brauchen deshalb neue Modelle, die dafür sorgen, dass wichtige Technologien europäisch bleiben, teilöffentlich genutzt werden und somit die Gesellschaft etwas zurückbekommt. Als Allgemeinuniversität sehe ich es als unsere Aufgabe, mit unserem Know-how dazu beizutragen, dass solche Modelle – etwa in Form von Stiftungen – konzipiert werden.

Wie wirkt sich Digitalisierung auf Forschung und Lehre aus?
Maschinen haben bisher menschliche Muskelkraft ersetzt. In Zukunft werden sie viele Denkleistungen übernehmen und Informationsbestände in unerreichbarer Geschwindigkeit aufarbeiten. In dieser Welt können wir Menschen uns auf Kreativität konzentrieren. Dazu braucht es zwei Voraussetzungen: Forschung, die andere Möglichkeiten aufzeigt, als es die dominierenden globalen Plattformen bisher tun oder tun könnten. Damit schaffen wir die Grundlagen für eine sozial und ökologisch nachhaltige Digitalisierung, für übergreifende zukünftige Plattformen, die uns nicht mit unseren Daten steuern, sondern von uns gesteuert werden.
Die zweite Voraussetzung ist Lehre, die unsere AbsolventInnen befähigt, kritisch und selbstbewusst innovative Lösungsansätze zu entwickeln. Diese dürfen nicht (nur) auf eine Employability in der heutigen Wirtschaft gerichtet sein, sondern sollen eigenständig ganz neue Lebens- und Arbeitsweisen erfinden und erforschen, damit wir zum Beispiel die Dezentralisierungsmöglichkeiten der Produktion durch 3D-Druck, 5G-Netze und das Internet der Dinge umfassend nutzen können.
An der Universität sind wir in der privilegierten Position, die Digitalisierung der Zukunft mitzubestimmen, die auf Forschung und Wissen beruht. Wenn wir an der Uni Graz die vielen auch interdisziplinären Forschungskontexte zu Digitalisierung zusammenführen, dann sind wir in der Lage, weitreichende gesellschaftliche Ansprüche und Lösungen zu entwerfen und das generierte Wissen in die Gestaltungsprozesse einfließen zu lassen.

Welche Rolle sollten Universitäten im Rahmen des digitalen Wandels einnehmen?
Wir sprechen oft von Biodiversität, analog dazu gibt es auch die digitale Diversität – also verschiedene Möglichkeiten, eine Herausforderung über digitale Technologien zu bearbeiten. Nehmen wir das Beispiel des Einsatzes von künstlicher Intelligenz: Wir nutzen sie jeden Tag, wenn wir uns mit unserem Smartphone durch den Verkehr führen lassen, wenn wir eine Suchmaschine verwenden und wenn wir online einkaufen. Wir wissen wenig über die Algorithmen, die uns steuern. Welche Schlussfolgerungen die internationalen IT-Giganten aus dem Monitoring unseres Verhaltens ziehen, ist ihr Geschäftsgeheimnis. Mit einer starken universitären Forschung können wir dazu beitragen, dass KI im Sinne der Gesellschaft transparent entwickelt wird. Um Machine Learning in der Zukunft so zu gestalten, dass es nicht demokratischen Prinzipien entgegensteht, brauchen wir umfassende digitale Kompetenzen in Forschung und Lehre. Digitalisierung ist nicht nur ein technischer Prozess, den wir als Allgemeinuniversität kommentieren. Sie wird in Zukunft davon bestimmt, wie wir interdisziplinär und transdisziplinär mit AkteurInnen aus Wirtschaft und Gesellschaft neue Modelle für ökologisch und sozial nachhaltige Infrastrukturen entwickeln.

Sehen Sie manche Aspekte der Digitalisierung auch kritisch?

Ich denke, die Frage des Potenzials der Technologien wird oft verwechselt mit der Frage nach dem Zweck und den dahinter liegenden Interessen. Marktbeherrschende Plattformen im Bereich Handel oder Kommunikation müssen aus ihrer Logik heraus selbstverständlich nach dem Prinzip handeln: noch mehr verkaufen, immer weiter wachsen. Es gibt leider derzeit keine öffentlichen europäischen Plattformen, die darauf ausgerichtet sind, den gesellschaftlichen Ausgleich voranzutreiben. Genau diese brauchen wir aber. Wir sollten uns deshalb fragen, wie wir sie etablieren können, um soziales Miteinander, Demokratie und verstärkte Kooperation zu fördern. Universitäten sind genau die richtigen Orte, wo solche Perspektiven geschaffen und vorangetrieben werden können und sollten.

Welche Herausforderungen erwachsen aus der digitalen Kompetenz?

Wir sind alle alphabetisiert, das heißt, wir können mit Texten umgehen. In der Zukunft wird es bedeutsam sein, dass wir mit Algorithmen und Codes umgehen können. Ein Wissen zu den Prozessen, die bei Nutzung einer Software oder einer Plattform im Hintergrund ablaufen, muss selbstverständlich werden. Eine entscheidende Frage in Bezug auf künstliche Intelligenz wird sein, wie wir sie als Gesellschaft so einsetzen, dass wir unseren selbst gesetzten Zielen näherkommen. Besonders wichtig wäre aus meiner Sicht, digitale Technologien dazu zu nutzen, weniger materielle Güter zu konsumieren, dafür aber mehr öffentliche Räume der Kommunikation und des Miteinanders zu schaffen. Nur diese ermöglichen ein gutes, nachhaltiges Leben.