1/2020
UNIZEIT
9/15

Nächster Halt: Zukunft

Der Zug der Digitalisierung braust unaufhaltsam weiter. Wer nicht aufspringen will, läuft Gefahr, auf der Strecke zu bleiben. Wie wir dem Fortschritt die Schienen legen, anstatt uns von ihm überrollen zu lassen, erforscht ein Team am Schumpeter Zentrum der Universität Graz.

von Dagmar Eklaude


Wie überleben kleine Unternehmen die digitale Revolution? Welche Arbeitsplätze und Tätigkeiten werden vernichtet, welche entstehen neu? Volkswirt Heinz-Dieter Kurz und sein Team – Marlies Schütz, Rita Strohmaier und Stella Zilian – sehen in den aktuellen Entwicklungen viele Chancen, aber auch merkliche Risiken und nehmen die Politik in die Pflicht. Diese sei gefordert – sowohl hinsichtlich der Ermöglichung technischen Fortschritts als auch der Abfederung seiner negativen Effekte. Investitionen in die digitale Infrastruktur, in den Bildungs- und Ausbildungssektor sind dringend nötig. „Was helfen die tollsten Maschinen, wenn sie niemand bedienen kann?“, wirft Kurz ein. Politische Entscheidungen wirken sich nachhaltig auf die Wirtschaft und das gesellschaftliche Gefüge aus. Und bei öffentlich subventionierten Innovationen haben SteuerzahlerInnen auch Anspruch auf einen Anteil an den Erträgen.
In der Steiermark haben sich die Sozialpartner erfreulicherweise zusammengefunden, um die Chancen durch die Digitalisierung zu ergreifen und ihre Risiken einzuschränken. „Je besser es gelingt, den Leuten die Angst vor dem Neuen zu nehmen, desto geringer ist der Widerstand dagegen“, führt Kurz aus. Damit kann man auch das innovative Potenzial besser nutzen. Technologische Arbeitslosigkeit wird sich allerdings dennoch nicht vermeiden lassen, daher gelte es für Betroffene rechtzeitig neue Wege aufzuzeigen und ihnen Umschulungen anzubieten. „Das Inklusive ist wichtig. Die, die diese Entwicklung nicht steuern können, sondern nur ihre negativen Auswirkungen zu spüren bekommen, müssen aufgefangen werden“, unterstreicht der Volkswirt.

Zwergenstärke
Um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, sollten sich Betriebe auf neue Technologien einlassen – für die weit verbreiteten Klein- und Mittelunternehmen eine besondere Herausforderung. In der Steiermark gibt es bereits Initiativen zur verstärkten Zusammenarbeit von Firmen auf regionaler Ebene, um einander zu unterstützen und Synergieeffekte zu nutzen. „Das ist eine gute Strategie, nur die mittel- und langfristige Planung ist noch nicht ausreichend“, urteilt Marlies Schütz. Eine große Chance für Österreich ist, Digitalisierung mit Nachhaltigkeit zu koppeln, weiß Rita Strohmaier. Wer also Lösungen anbietet, die Energie sparen, Müll vermeiden oder Wege verkürzen, hat am Markt einen Vorteil.
„Das heißt noch lange nicht, dass wir diese Technologien selbst mitentwickeln müssen. Da hat Österreich als kleine, offene Volkswirtschaft schwierige Ausgangsbedingungen. Aber wer sich richtig positioniert, entscheidet oft den Wettbewerb für sich“, ergänzt die Forscherin. Eine Reihe von steirischen Betrieben hat diesen Trend erkannt und behauptet sich international in bestimmten Nischen. Pfiffigkeit und Wendigkeit sind für den weltweiten Erfolg entscheidend.

Machtkonzentration
Nicht nur kleine Länder brauchen gute Ideen und einen langen Atem. Auch größere europäische Staaten haben alleine gegen die chinesischen und amerikanischen Giganten auf den digitalen Märkten beziehungsweise im Hightech-Bereich einen schweren Stand. „Aus Jahrzehnten des Imitierens haben die Chinesen unglaublich viel gelernt und sind jetzt in einigen Bereichen Marktführer“, schildert Stella Zilian. Die Vormachtstellung einzelner Unternehmen aus dem fernen Osten sehen die ForscherInnen durchaus problematisch. „China ist ein überwachungsobsessiver Staat und nützt den Fortschritt, um die Bevölkerung zu kontrollieren“, warnt Kurz. Beim Kauf technischer Geräte läuft man Gefahr, ausgeforscht zu werden. „Die Digitalisierung ist auch eine Waffe im Streben nach Welthegemonie.“
Ähnlich kritisch beurteilen die VolkswirtInnen die Vormachtstellung westlicher IT-Riesen. Über eine Fitness-App mit Millionen NutzerInnen gelangt beispielsweise Google an höchst private Gesundheitsinformationen – die weiterverkauft werden können. „Wir brauchen im Hinblick auf Datenschutz und Sicherheit stärkere regulatorische Maßnahmen“, fordert Marlies Schütz. Die EU habe da erste wichtige Schritte gesetzt, international würde die Frage des Eigentums hinsichtlich persönlicher Daten derzeit aber nur unzureichend behandelt.

Blick voraus
Das Team des Schumpeter Zentrums untersucht im Rahmen des vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts „Wie Smarte Maschinen Österreichs Wirtschaft verändern“ mit der Digitalisierung einhergehende Chancen und Herausforderungen – auch im internationalen Vergleich. „Es gibt riesige Möglichkeiten und ein großes Wachstumspotenzial“, ist Kurz überzeugt. Aber wie jeder Wandel bringen die der Digitalisierung zugrunde liegenden technologischen Innovationen große Unsicherheit mit sich, greifen tief in die Sozialstruktur ein und verändern unsere Denkungsart. „Das ruft Scharlatane und professionelle Kassandra-RuferInnen auf den Plan“, meint der Volkswirt. Dem wollen er und seine Kolleginnen mit fundierten Analysen entgegenwirken. Die Forschungsergebnisse werden unter anderem im „Handbook of Smart Technologies: An Economic and Social Perspective“ präsentiert, das 2021 im Verlag Routledge erscheinen wird.

Projekt "Smarte Maschinen"