1/2020
UNIZEIT
7/15
© Uni Graz/Konstantinov

Tatort Text

E-Mails mit Morddrohungen, erpresserische SMS, diffamierende WhatsApp-Nachrichten – die breite Nutzung digitaler Technologien macht es wesentlich leichter als früher, mit kriminellen Absichten anonym zu bleiben oder sie anderen in die Schuhe zu schieben. Karoline Marko bringt die in Texten verborgenen Hinweise auf die Schuldigen ans Licht.

von Gudrun Pichler


Auch wenn die Person hinter einer Message nicht auf Anhieb zweifelsfrei identifizierbar ist, so kann ein Text dennoch etwas über seinen Urheber oder seine Urheberin verraten. Was das ist, versucht Karoline Marko herauszufinden. Sie forscht am Institut für Anglistik der Universität Graz und hat sich auf forensische Linguistik spezialisiert. Die Sprachwissenschafterin analysiert Texte im Zusammenhang mit Verbrechen, um TäterInnen auf die Spur zu kommen.

Verschlüsselte Hinweise

„Wortwahl, Satzbau, Rechtschreib- und Grammatikfehler, die Verwendung von Satzzeichen und Emojis sowie viele weitere Merkmale eines Textes lassen sich ähnlich wie die Handschrift einer Person betrachten und analysieren“, sagt Marko. „Auf diese Weise kann ich zum Beispiel herausfinden, ob verschiedene Dokumente von dem-/derselben UrheberIn stammen oder nicht.“ In fast allen Texten finden sich zwischen den Zeilen verschlüsselte Hinweise auf die AutorInnen, etwa auf deren soziale und regionale Herkunft, Bildungsgrad, Alter und Geschlecht. Auch ihre Erfahrung in der Textproduktion kann herauszulesen sein, was unter Umständen Rückschlüsse auf den Beruf zulässt. „Natürlich versuchen SchreiberInnen häufig auch, sich zu verstellen, indem sie einen für sie untypischen Stil annehmen. Mit Interpunktion, Satz- und Wortstellung gehen die meisten aber weniger bewusst um, sodass diese Kriterien in der Analyse recht zuverlässig sind“, erklärt Marko.
Anhand des vorliegenden Materials erstellt die Sprachwissenschafterin ein soziolinguistisches Profil der VerfasserInnen. „Das kann zwar vor Gericht nicht halten, weil es trotz Expertise eine subjektive Analyse bleibt, zur Aufklärung einer Straftat leistet es möglicherweise aber einen entscheidenden Beitrag“, ist Marko überzeugt, die im Zusammenhang mit einem Kriminalfall bereits ein Gutachten für die Staatsanwaltschaft Graz erstellt hat. Bei längeren Texten kommen teilweise auch maschinelle und statistische Verfahren zum Einsatz, die die Häufigkeit von bestimmten Wörtern und Wortverbindungen erfassen. Für kurze Nachrichten eignen sich diese jedoch nicht, weiß die Forscherin.


Digitale Spurensuche
Insgesamt gibt es auf dem Gebiet der forensischen Linguistik noch viel wissenschaftliche Arbeit zu leisten. Marko wird das demnächst für ihre Habilitation tun. Im Rahmen von AutorInnen-Analysen wird sie den Schreibstil einer Person über verschiedene Online-Genres –Facebook, Twitter, WhatsApp und andere – verfolgen und dabei untersuchen, ob gewisse Merkmale über alle Kanäle konstant bleiben. Eine weitere Fragestellung konzentriert sich auf den Einsatz von Emojis: Lassen sich Personen über die spezifische Verwendung eines Symbols in Kombination mit einem Wort oder statt eines Begriffs unterscheiden? Und kann man daraus etwas über Alter, Geschlecht und Herkunft schließen?
Eine besondere Herausforderung ist die Analyse von Dokumenten, deren Urheberschaft bewusst mithilfe künstlicher Intelligenz verschleiert wurde, indem man sie zum Beispiel mit einem Programm in eine andere Sprache übersetzt und dann wieder rückübersetzt hat. „Mich interessiert, wie Google Translate Texte verändert. Wenn man das weiß, kann man auch aus derart getarntem Material noch etwas herauslesen“, erklärt Marko.

Neuland erobern
Im anglo-amerikanischen Raum hat sich die forensische Linguistik als Wissenschaft bereits etabliert und kommt auch in der Praxis zum Einsatz. Im deutschen Sprachraum ist Karoline Marko eine der PionierInnen, weil es hier noch wenig Forschung gibt. Immerhin leistet sich das Bundeskriminalamt in Deutschland eine eigene Abteilung für AutorInnen-Erkennung. In Österreich ist der Fachbereich aber noch kaum bekannt.
Das soll sich ändern. Marko möchte mit ihrer Arbeit die Etablierung der Disziplin in Wissenschaft und Praxis vorantreiben. Dabei wird sie hoffentlich nicht lange allein bleiben. Denn ab dem Wintersemester 2020/21 haben auch Studierende die Möglichkeit, an der Universität Graz eine Zusatzqualifikation in der „
Forensischen Linguistik“ zu erwerben.