1/2020
UNIZEIT
10/15
© Uni Graz/Konstantinov

Wert-Schöpfung

Schon längst stellen Industriebetriebe ihre Produkte nicht mehr in allen Einzel­teilen selber her. Die Digitalisierung verändert jedoch die Zusammenarbeit. Statt Lieferscheinen werden heute komplexe Datensätze ausgetauscht, die mitunter sogar Geschäftsgeheimnisse preisgeben. Stefan Thalmann untersucht dieses Phänomen und versucht, Abhilfe zu schaffen.

von Dagmar Eklaude


Läuft in einer Fabrik ein Gerät vom Band, gibt es dazu auch gleich eine umfangreiche Dokumentation, wann, wo und mit welchem Drehmoment ein Teil eingebaut wurde. Moderne Maschinen verfügen über hunderte Sensoren, die jeden Arbeitsschritt, jedes Maß und jedes weitere Detail genau miterfassen. Taucht irgendwo ein Fehler auf, werden die betroffenen Produkte schnell ausfindig gemacht. Auch helfen die Informationen den PartnerInnen in der Lieferkette bei der Optimierung der Qualität. „Diese Datensätze sind allerdings meist dermaßen umfangreich, dass den Firmen selbst gar nicht bewusst ist, welches kritische Wissen sich daraus ableiten lässt“, berichtet Stefan Thalmann, Professor für Business Analytics und Data Science an der Universität Graz. Werden solche wettbewerbsrelevanten Informationen rekonstruiert und missbraucht, kann das insbesondere spezialisierte Klein- und Mittelunternehmen (KMU) schnell in den Ruin treiben. Mit seinem Team im Profilbildenden Bereich „Smart Regulation“ untersucht der Forscher sowohl technische als auch rechtliche Wege, dies zu vermeiden.

Kommunikation als Achillesferse
In einem Fall hat ein Großbetrieb kritisches Wissen von einem kleinen spezialisierten italienischen Zulieferer abgesaugt und an ein chinesisches Unternehmen weitergegeben mit der Bitte, dasselbe Produkt um den halben Preis herzustellen. „Der Zulieferer hat diese existenzielle Bedrohung zwar überlebt, wurde durch den Know-how-Abfluss aber nachhaltig geschädigt“, so Thalmann. KMU fehlen häufig die Ressourcen zum Schutz ihrer Entwicklungen und ihrer Infrastruktur sowie für nötige juristische Unterstützung. Firmen, die sich dieses Risikos bewusst sind, gehen deshalb nicht den Weg der Digitalisierung, was jedoch ein Wettbewerbsnachteil ist. Größere Unternehmen wiederum finden schwer Zulieferer, weil diese aus Angst um ihren Fortbestand die Zusammenarbeit scheuen.
Die modernen Technologien sind allerdings nicht nur Einfallstore für Missbrauch, sondern bieten auch Schutz davor. Die WissenschafterInnen am von Thalmann geleiteten BANDAS-Center (kurz für Business Analytics and Data Science Center) forschen an Lösungsmöglichkeiten. „Der wichtigste Punkt ist eine gute Risikoanalyse für die ausgetauschten Datensätze“, weiß Thalmann. EntscheiderInnen sollen einschätzen können, wie leicht sich daraus heikles Wissen rekonstruieren lässt. Darauf aufbauend können Algorithmen die Informationen so anonymisieren, dass nur notwendige und unkritische Details weitergegeben werden. Eine weitere Methode ist ein auf künstlicher Intelligenz basierendes Modell, das zuvor mit den relevanten Daten trainiert wurde. Gemeinsam mit Rechtswissenschafter Johannes Zollner arbeitet der Forscher auch an einer juristischen Lösung für das Problem. Es sollen belastbare Rechtsgrundlagen eruiert und Vertragsklauseln entwickelt werden.

Anpassung
Um ein Unternehmen effizient vor missbräuchlicher Datenverwendung zu schützen, braucht es auch entsprechende organisatorische Maßnahmen und – wie bei anderen Sicherheitsagenden auch – einen festgeschriebenen Einsatzplan. „Man muss intern Bewusstsein dafür schaffen und die MitarbeiterInnen schulen – im Ernstfall zählt jede Minute“, so Thalmann. Da die Wertschöpfungsketten oft extrem komplex sind, ist ein solcher Plan keine banale Angelegenheit. In der Automobilindustrie beispielsweise gibt es bis zu zwölf Ebenen von Zulieferern, die auch untereinander Daten austauschen. „Da ist kaum noch durchschaubar, wer mit wem welche Informationen teilt“, weiß der Experte.
Im BANDAS-Center analysieren die WissenschafterInnen in zwei konkreten Fallstudien Datenströme, identifizieren Risiken und erarbeiten Lösungsvorschläge. Diese werden nach ihrer Umsetzung in den beiden eingebundenen Unternehmen evaluiert, um die entwickelten Werkzeuge und Maßnahmen allgemein zugänglich zu machen.

Vorranging nachhaltig