In Österreich ist das Vertrauen in die Wissenschaft verhältnismäßig gering. Woran liegt das?
Das sehen wir leider immer wieder in größeren Untersuchungen. Die Grundlagen für Vertrauen in Wissenschaft und Forschung werden sicher schon sehr früh geschaffen, das zeigt sich wir vor allem in skandinavischen Ländern. Das beginnt im Kindergarten und zieht sich über ein sehr wissenschaftsfreundliches Klima in den Schulen bis hin zur universitären Ausbildung, wo kritischer Geist sehr gefördert wird. Talente werden konsequent unterstützt – wo immer diese liegen. Der norwegische Schachweltmeister Magnus Carlsen ist in seinem Land ein Superstar und wird in Schulen als Held gefeiert. Wertschätzung für geistige Arbeit und kritisches Denken sind ein hohes Gut. Damit werden auch politische Entscheidungen, die auf Einschätzungen von Experten und Spezialistinnen beruhen, für viele Menschen nachvollziehbar und können transparent vermittelt werden. Verunsicherte Personen, die nicht gelernt haben, ihre Position aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse zu beziehen, tendieren mehr zu emotionalen Botschaften, die schnell konsumierbar sind und eigene, oft verhärtete, Grundhaltungen verstärken. Es ist im Zeitalter der Logarithmus-basierten Suchmaschinen wesentlich leichter, eigene Vorurteile und emotional geprägte Einstellungen bestätigt zu bekommen, als durch einen Diskurs über Fakten zu einem eigenen Standpunkt zu kommen. Darum ist es schwer, emotionsgeladenen KritikerInnen mit konkreten Daten zu begegnen. Wir sollten weg vom „Wer weiß schon?“ hin zum „Wir wissen!“.
Schafft es die Wissenschaft nicht ausreichend, ihre Leistungen zu kommunizieren?
In manchen Bereichen gibt es da sicher Defizite. Gerade die Pandemie hat eindrücklich vor Augen geführt, was die Wissenschaft leistet und warum sie unabdingbar für die Weiterentwicklung der Menschheit ist. Forschenden ist das natürlich bewusst, aber sie sehen ihre Aufgabe nicht darin, das aktiv zu kommunizieren. Dass WissenschafterInnen nicht unbedingt im Scheinwerferlicht stehen wollen, ist verständlich – eine prinzipielle Abneigung sollte es nicht sein. „Dafür bin ich nicht in die Forschung gegangen“ hören wir doch öfters, wenn wir über Medienauftritte sprechen.
Wie könnte man das verbessern?
In manchen Bereichen gibt es da sicher Defizite. Gerade die Pandemie hat eindrücklich vor Augen geführt, was die Wissenschaft leistet und warum sie unabdingbar für die Weiterentwicklung der Menschheit ist. Forschenden ist das natürlich bewusst, aber sie sehen ihre Aufgabe nicht darin, das aktiv zu kommunizieren. Dass WissenschafterInnen nicht unbedingt im Scheinwerferlicht stehen wollen, ist verständlich – eine prinzipielle Abneigung sollte es nicht sein. „Dafür bin ich nicht in die Forschung gegangen“ hören wir doch öfters, wenn wir über Medienauftritte sprechen.
Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit WissenschafterInnen? Spießt sich da Ihr Anspruch nach Vereinfachung mit deren Anspruch an Genauigkeit?
Im Großen und Ganzen funktioniert die Zusammenarbeit sehr gut. Das auch deshalb, weil wir über Jahre und Jahrzehnte gegenseitiges Vertrauen aufgebaut haben. Wir begleiten manche Forschungen schon sehr lange und wir wissen, was der aktuelle Stand ist. Der Anspruch der Wissenschaft, genau zu sein, muss nicht zwingend im Widerspruch zur notwendigen Vereinfachung im Journalismus sein. „I know, it’s not for engineering-TV“ sagte mir einmal ein berühmter amerikanischer Materialforscher.
Wie groß ist die Bereitschaft, sich auf die Bühne der Medien zu stellen?
Manchmal erleben wir, dass großartige WissenschafterInnen die Kritik von FachkollegInnen fürchten, wenn sie einfachere Botschaften in Massenmedien verbreiten. Wenn es (hoffentlich) nicht Neid ist, dann ist es zumindest falsch verstandene Genauigkeit im Sinne der komplexen Wissenschaftssparte. Auf die Frage, was seine neuen Sensoren in einer Autobahnbrücke bewirken sollten, erklärte mir der zitierte Materialforscher: „Wir wollen, dass die Brücke um Hilfe schreit, wenn es ihr schlecht geht“. Ich weiß aus vielen Jahren Erfahrung: Das sind die Erklärungen, die das Publikum liebt – weil es dann versteht, was hinter der komplexen Wissenschaft steckt. Und plötzlich sind sie stolz auf „ihre“ Forschenden. Der Applaus der Masse ist nicht gering zu schätzen – er steht nicht in Konkurrenz zum Applaus der Fachwelt. Fragen Sie NobelpreisträgerInnen.
In der Corona-Krise sind Erkenntnisse über das Virus, seine Ausbreitung oder die Wirksamkeit der Impfung ständig revidiert worden. Selbst gebildete Menschen haben das mit einem „Die wissen ja auch nichts“ kommentiert und das Vertrauen in die Forschung verloren. Wie könnte man das ändern?
Das hat wiederum viel damit zu tun, dass Forschung als solche falsch verstanden wird. Zweifeln ist das Wesen der Wissenschaft – es geht immer darum, eine These zu bestätigen oder zu widerlegen. Und daraus lernt man und schafft Erkenntnis. Den Medien kann man in diesem Zusammenhang einen Vorwurf nicht ersparen: Sie suchen stets das unmittelbare Ergebnis und sind kaum bereit, Geduld für längerfristige Entwicklungen aufzubringen. Umgelegt auf Corona: Wir müssen nicht jeder einzelnen Infektionszahl nachlaufen, die einen Tag später überholt ist, es geht um Entwicklungen, um Trends. Dass aus unterschiedlichen Zugängen von WissenschafterInnen Konflikte konstruiert werden, ist ein Spezialproblem von Boulevardmedien. Ein kurzfristiges Konzept, das sehr schnell zum Vertrauensverlust in der Forschungscommunity führt. Als öffentlich rechtlicher Sender mit Bildungsauftrag lassen wir uns auf diese Spielchen nicht ein – wir sind dem Publikum verpflichtet, nicht reißerischen Schlagzeilen.
Wie schaffen es WissenschafterInnen, lauter zu sein als VerschwörungstheoretikerInnen?
Lauter zu sein, ist schwer☺. Wir bleiben hier geduldig bei unserer Linie und hören geduldig zu. Aber wir ordnen auch ein. In meinem Bereich sind Fakten die Grundlage für Auftritte und Berichterstattung. Spekulation kann nicht den gleichen Stellenwert haben wie erworbenes Wissen. Wir werden nicht in jede Sendung jemanden einladen, der behauptet, die Erde sei eine Scheibe, um so pseudo-ausgewogen zu sein. Das ist die berühmte false balance, wie sie der angloamerikanische Journalismus definiert. Forschung wägt ab, sie gibt nicht allen Thesen das gleiche Gewicht. Ein Experiment wird so oft wiederholt, eine These so oft überprüft, bis das Ergebnis für alle Interessierten nachvollziehbar feststeht. Nachweislich gescheiterte Experimente, falsifizierte Thesen werden nicht richtiger, wenn sie laufend wiederholt werden. Dasselbe gilt für Verschwörungstheorien.
Glauben Sie, dass sich am Stellenwert der Wissenschaft und an der Bedeutung der Wissenschaftskommunikation durch die Corona-Krise etwas geändert hat?
Da sag ich in aller Bescheidenheit: Dass ich für Wissenschaftsberichterstattung eine Romy gewonnen habe, steht wohl auch für Anerkennung. Andere Kolleginnen und Kollegen aus den Wissenschafts-Ressorts wurden ebenfalls mit vielen Preisen bedacht. Wir haben im ORF-Fernsehen eine neue Wissenschaftssendung etabliert. Ja, man sieht und würdigt Wissenschaftskommunikation mehr als je zuvor. Fachredaktionen haben bewiesen, wie wichtig sie sind.
