Was zählt meine Stimme?
1/2023
10/12

Warnende Visionen

Gesellschaftlichen Fehlentwicklungen vorwegzunehmen und Möglichkeiten für ein besseres Zusammenleben aufzuzeigen, ist die Intention vieler Autor:innen und Regiseur:innen. Warum das beim Publikum gut ankommt, erzählen Klaus Kastberger und Stefan Brandt


Buch, Bildschirm und Leinwand als Spiegel der Wirklichkeit: Fiktive Werke zeigen seit jeher, „wo wir als Gesellschaft stehen und wohin wir uns entwickeln könnten, wenn wir weitermachen wie bisher“, schildert Stefan Brandt, Literatur- und Kulturwissenschafter am Institut für Amerikanistik. Und meistens schaut es dabei recht düster aus. „Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es in der Belletristik kaum mehr positive Entwürfe der Zukunft“, bestätigt Klaus Kastberger, Leiter des Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung. Brandt erklärt: „Wir wollen Kunst, die vor Gefahren warnt und unsere eigenen Ängste bestätigt.“ Aber warum? Billiger Grusel ist es nicht.
Vielmehr können warnende Szenarien ganze Generationen prägen. In „Matrix“ (1999) muss sich der Hacker Neo entscheiden, ob er die Welt so wahrnehmen will, wie sie ist – als eine von Maschinen gesteuerte Simulation, in der Menschen als Energiequellen dienen. Die Kritik des Films am Überwachungsstaat wurde, so Stefan Brandt, zum Nährboden für rechtskonservative Verschwörungsfantasien, derer sich auch Anhänger:innen von Donald Trump bedienen. Eliten, die uns fest im Griff haben, alles von uns wissen und denen Schattenregierungen zuarbeiten – dazu findet man heute jede Menge im Web. Die „Matrix“-Ideologie hat sich verselbstständigt.

Fiktive Bruchlinien 
Doch auch Werke, die ohne Szenarien einer virtuellen Realität auskommen, werden vom Publikum geschätzt – als glaubhafte „Was wäre, wenn“-Gedankenexperimente. Im vergangenen Jahrzehnt widmen sich US-amerikanische Filme bzw. Serien Themen, die dramatische Kipppunkte erreichen: Menschen- und Frauenrechte („Der Report der Magd“, 2017), individuelles Aufbegehren in einer Klassengesellschaft („Die Tribute von Panem“, 2012–2015), verkaufte Privatsphäre („The Circle“, 2017), oder Umweltzerstörung und Ausbeutung („Avatar“, 2009). Auch der deutsche Buchmarkt kommt ohne dystopische Warnungen kaum mehr aus. Klaus Kastberger nennt Gerhard Roths Roman „Die Imker“ (2022), in dem ein gelber Nebel die Menschen in Luft auflöst. Nur wenige überleben den Versuch der Erde, sich ihrer Bewohner:innen zu entledigen. Gewalt, Hass und Zerstörung gibt es weiterhin. Wie interpretiert der Literaturwissenschaftler den Roman? „Ich sehe ihn als Reaktion auf die Corona-Zeit, in der eine weltweite Verunsicherung um sich gegriffen hat. Das Schicksal der Welt wird hier in die Hände von einigen Auserwählten gelegt, die dann die Verantwortung für alles haben“, fasst Kastberger zusammen.

Macht der Gesellschaft 
Das Gefühl, dass die Welt aus den Fugen geraten sei, ist nicht neu. Bereits Shakespeare lässt Hamlet das beklagen. Gleichzeitig ist der dänische Prinz der Überzeugung, dass er alles wieder einrenken kann. Von dieser Haltung ist 400 Jahre später wenig übrig, meint Kastberger: „Heute fragen wir uns angesichts multipler Krisen, wie alles wieder in Ordnung kommen soll. Und ob es die Demokratie ist, mit der wir allen Bedrohungen gut gerüstet begegnen können.“ Dass es keine bessere Staatsform gibt – so fehlbar sie auch sein mag –, das betonen kreative Köpfe weltweit vehement. Stefan Brandt fasst zusammen, was viele Kunstwerke transportieren: „Jedes andere Staatssystem führt irgendwann zu Unterdrückung. Manchmal bemerken wir sie nicht oder nehmen sie sogar freiwillig in Kauf im Tausch gegen Annehmlichkeiten oder persönlicher Bestätigung.“ Viel wertvoller als ein Like und der Austausch in Echokammern sei der reale Dissens, unterstreicht der Wissenschaftler. Differenzen, die man ausdiskutiert, stärken das Zusammenleben: „Die Freiheit der Andersdenkenden bildet die Freiheit einer Gesellschaft ab. In den eigenen Überzeugungen herausgefordert zu werden, macht uns geistig reicher.“

Heilsamer Humor 
Kunst zeigt uns also auf, wie es nicht sein sollte. Ist das eine ängstlicher, einfallsloser Zugang? Die beiden Forscher widersprechen. „Ein Publikum, das wachsamer, kritischer und informierter ist, hat auch die Chance, visionär zu denken und bewusst anders zu handeln“, meint Stefan Brandt. Und außerdem, so sinniert Klaus Kastberger, brauchen wir auch humorvolle Verarbeitungsformen, die uns vor Augen führen, wie „einfach“ manche Lösungen sein können. Was tun, wenn ein riesiger Komet auf die Erde zurast? Ein Film gibt die Antwort: „Don’t Look Up“ (2021). 

von Gerhild Leljak

 Inhaltsverzeichnis