„In der Vergangenheit wurden soziale Unterschiede in erster Linie durch Arbeitsverhältnisse oder Eigentum definiert. Heute muss man die Nutzung von Ressourcen und Energie sowie die Verwundbarkeit durch globale Umweltveränderungen berücksichtigen, um Ungleichheiten zu verstehen“, sagt die Sozialwissenschaftlerin Ilona M. Otto vom Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz. Reiche verbrauchen mehr Ressourcen als Arme, die aber stärker unter den Folgen des Klimawandels leiden.
Betrachtet man die Pro-Kopf-Treibhausgasemissionen, lässt sich die Bevölkerung in verschiedene Gruppen einteilen. Dabei klafft die Schere weit auseinander. „So verbrauchen etwa in Deutschland die Menschen der höchsten Emissionsgruppe zehnmal so viel CO2 wie jene der niedrigsten“, weiß Otto. Weltweit betrachtet ist die Kluft noch viel größer.
Die Forscherin schildert den Zusammenhang zwischen Ressourcennutzung, Verwundbarkeit und sozialer Ungleichheit an einem einfachen Beispiel: „Als der Hurrikan Katrina 2005 an der Küste Floridas zu verheerenden Überflutungen führte, kamen vor allem ärmere Menschen ums Leben. Wer ein Auto hatte, versuchte sich ins Landesinnere zu retten, jene, die nicht mobil waren, konnten nicht fliehen.“
In ihrer „Theorie des sozial-ökologischen Stoffwechsels“ definiert Otto sechs neue gesellschaftliche „Klassen“: Von der Underclass, deren Angehörige nicht einmal ihre körperlichen Grundbedürfnisse decken können und ums Überleben kämpfen, bis hin zur Upperclass, getoppt nur mehr von den Superreichen, die mit ihren Privatjets zum Shopping in die internationalen Metropolen fliegen und weltweit zwischen ihren Wohnsitzen pendeln. Energieverbrauch ist verbunden mit gesellschaftlicher Stellung. „Ein Ferrari oder eine 300-Quadratmeter-Penthouse-Wohnung sind auch Statussymbole“, sagt die Forscherin.
Freiwilligkeit reicht nicht
Angesichts des hohen sozialen Prestiges, das mit Ressourcennutzung verknüpft ist, würden Appelle zu freiwilligen individuellen Verhaltensänderungen und Verbrauchsentscheidungen nicht ausreichen, ist Ilona M. Otto überzeugt: „Um CO2-Emissionen zu reduzieren, sind vor allem strukturelle Veränderungen durch politische Entscheidungen und auch Regulierungen nötig.“ Die Wissenschaftlerin nennt einige Beispiele: autofreie Städte, keine Flugerlaubnis für Privatjets oder das Verbot, hoch klimaschädliche Produkte auf den Markt zu bringen. Bei Neubauten könnte die Wohnfläche begrenzt und die Nutzung erneuerbarer Energien vorgeschrieben werden. „Drogen sind verboten, und beim Tabak- und Alkoholkonsum gibt es Einschränkungen, weil sie der Gesellschaft schaden. Das ist anerkannt. Produkte und Verhaltensweisen, die die Umwelt gefährden, sind auch nicht gut für die Gesellschaft. Dieses Bewusstsein ist noch nicht vorhanden“, meint Otto.
Wichtig sei, Maßnahmen zu setzen, die auch jene sozialen Gruppen treffen, die am meisten Ressourcen verbrauchen. Daher sieht sie die CO2-Steuer kritisch. „Auch wenn die Einnahmen sozial gerecht umverteilt werden, eine Lösung für das Problem der hohen Emissionen ist sie nicht, denn die Reichen können und werden sich ihre Häuser, Autos, Yachten und Flugzeuge trotzdem leisten.“ Und weil all das durch die Besteuerung noch teurer wird, gewinnt es zusätzlich an Prestige. „Damit der Wandel zu einer klimaneutralen und gleichzeitig sozial gerechten Gesellschaft gelingen kann, muss der Hebel vor allem bei den Wohlhabenden angesetzt werden“, betont die Ressourcen-Ökonomin.
Globaler Sozialpakt
Damit die Ärmsten der Welt genug zu essen und einen Platz zum Wohnen haben, müssen die Reichen ihren Ressourcenverbrauch reduzieren. Sonst kollabiert der Planet. In einer Studie haben Ilona M. Otto und andere Forscher:innen berechnet, wie hoch der zusätzliche Druck auf das Erdsystem im Jahr 2018 gewesen wäre, wenn alle Menschen weltweit gerechten Zugang zu Nahrung, Wasser, Energie und Infrastruktur gehabt hätten. Ihre Analysen ergaben, dass die Treibhausgasemissionen um mehr als ein Viertel gestiegen wären. Die Wasser- und Bodennutzung sowie die Nährstoffbelastung in Gewässern hätten um zwei bis fünf Prozent zugenommen. Die Untersuchungen zeigten aber auch: Diese Belastungen, die sich aus dem Zugang des ärmsten Drittels der Menschheit zu angemessenen Ressourcen ergeben, entsprechen genau jenen negativen Effekten, die von den reichsten ein bis vier Prozent der Weltbevölkerung verursacht werden. Daher fordert Otto: „Wir brauchen einen neuen globalen Sozialpakt, um das Wohlergehen aller auf dem Planeten Erde neu zu verhandeln.“
von Gudrun Pichler