FORSCHUNG IM KRIEG
Freiheit schaffen
Seit drei Jahren herrscht Krieg in der Ukraine – Höhepunkt der seit 2014 andauernden Aggression durch Russland. Hunderttausende Todesopfer sowie die zahlreichen Menschen, die gezwungen sind, sich fernab der Heimat ein neues Leben aufzubauen, dominieren die Berichterstattung. Wenig öffentlich wahrgenommen werden dagegen die desaströsen Auswirkungen auf die ukrainische Hochschul-, Bildungs- und Forschungslandschaft. Diese in der Ausnahmesituation zu unterstützen und gleichzeitig auf den Wiederaufbau vorzubereiten, haben sich die Juristinnen Lisa Heschl (r.) und Svitlana Andreichenko zum Ziel gesetzt.
„Hochschulbildung darf nicht zum Opfer von Kriegen werden. Die akademische Freiheit zu sichern, ist essenziell – für die Ukraine und für Europa.“ So bringt Lisa Heschl ihre Motivation auf den Punkt, das Bildungsprojekt „Promoting Academic Freedom in Ukraine“ – kurz FreeAC – zu koordinieren. „Wir wollen dafür sorgen, dass ukrainische Universitäten nicht den Anschluss an die Entwicklungen im europäischen Hochschulraum verlieren, weder in der Wissenschaft noch in der Aus- und Weiterbildung“, erzählt die Forscherin am ➡ Europäischen Trainings- und Forschungszentrum für Menschenrechte und Demokratie der Uni Graz. „Und natürlich wollen wir auch Wege aufzeigen, wie Lehre und Forschung trotz der Kriegsfolgen weitergehen können“, ergänzt Projektmitarbeiterin Svitlana Andreichenko. Sie kam über ein OeAD-Stipendienprogramm Anfang 2022 an die Uni Graz, geplanterweise für sechs Monate. Drei Jahre später ist die Juristin nach wie vor in Österreich, ihre beiden kleinen Kinder konnte sie nachholen. Ihr Mann, ein Wirtschaftswissenschaftler, darf Odessa nicht verlassen.
So flexibel, wie Svitlana Andreichenko es sein musste, gestalten sich auch die Inhalte des Projekts. „Ursprünglich war zum Beispiel geplant, kriegsbedingte Ausfälle in der Lehre an den ukrainischen Partnerinstitutionen durch Gastvortragende von europäischen Hochschulen zu kompensieren. Doch durch die tiefgreifende Zerstörung der Infrastruktur und die massenhafte Vertreibung von Personal waren diese Lücken schlicht zu groß. Deshalb haben wir den Fokus stärker auf digitale Angebote und internationale Vernetzung gelegt“, beschreibt Heschl.
Europäischer Schulterschluss
➡ FreeAC ist eine dreijährige Kooperation der Universität Graz mit sieben weiteren internationalen Partnerorganisationen – darunter drei ukrainische Universitäten – und wird vom EU-Programm ERASMUS+ finanziert. Es soll die akademische Freiheit in dem vom Krieg gebeutelten Land stärken sowie Forschende und Studierende unterschiedlicher europäischer Hochschulen vernetzen. Zu den Unterstützungsangeboten gehören eine Reihe von Workshops, die aktuelle Entwicklungen aufgreifen – wie etwa den Einsatz von KI in der Hochschullehre, gendersensible Didaktik oder den Umgang mit Hassrede und Propaganda online beziehungsweise auf Social-Media-Kanälen. „Das sind Themen, die sich unsere ukrainischen Partneruniversitäten in einer Umfrage gewünscht haben“, berichtet Andreichenko. Eine zentrale Initiative ist die Vortragsreihe „Ukrainian Voices: Academic Freedom in a Changing World“, in der Forschende ihre Arbeit vorstellen und sich mit Kolleg:innen aus dem europäischen Hochschulraum austauschen können.
Für das Trainings- und Forschungszentrum für Menschenrechte und Demokratie ist FreeAC nicht das erste Projekt in einer Konfliktregion. In der Vergangenheit haben sich die Forscher:innen bereits in Bosnien und dem Kosovo engagiert. Die Erfahrungen fließen nun in die Arbeit mit der Ukraine ein.
von Gerhild Leljak