2/2019
UNIZEIT
3/12
© Frank Eidel

Diagnose: Multi-Organversagen

Warum Gesundheit Gemeinschaftssache ist und die Klimakrise ein medizinischer Notfall, erklärt der deutsche Arzt, Komiker und Wissenschaftsjournalist Eckart von Hirsch­hausen. Mit seiner Bühnenshow Endlich! tourt er derzeit durch Deutschland, in Graz ist er im Feber 2021 zu Gast. Gesundheitsthemen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen publik zu machen, ist ihm ein großes Anliegen.


Stellt euch vor, ihr liegt mit einem Herzstillstand am Boden. Kannst du dich dann selber reanimieren? Nein. Obwohl du  die Theorie beherrschst, hängt in diesem Moment dein Leben davon ab, ob sich jemand in deinem Umfeld auskennt, Hilfe ruft und drückt, bis die Profis kommen.

Wir lernen Notfallmedizin, ohne ein einziges Mal über den größten Notfall zu sprechen, der uns droht: die globale Klimakrise. Wir lernen etwas über Kreislauf, ohne darüber zu reden, wie bei einer Außentemperatur von 42 Grad unser Körper überhaupt noch funktionieren soll. Dabei ist der Körper ein guter Lehrmeister für den Unterschied zwischen Qualität und Quantität Denn zwischen 41 und 43 Grad gibt es einen Qualitätssprung – den über die Klinge.

Die Klimadiskussion wurde viel zu lange viel zu abstrakt geführt. Dabei betrifft sie uns alle viel umfassender, als mir das bis vor Kurzem selber bewusst war.
Manchmal gibt es Menschen, deren Begegnung uns verändert. Bei mir war das ein Interview mit Jane Goodall, heute mit 85 Jahren eine der weltweit bekanntesten Umweltaktivistinnen. Sie fragte mich direkt: „Wenn der Mensch die intelligenteste Art auf dem Planeten ist – warum zerstört er dann sein Zuhause?“ Ich musste dreimal schlucken, denn darauf gibt es keine einfache Antwort. In meinem Kabarettprogramm spitze ich die Frage noch zu: „Wer kackt regelmäßig in sein Wohnzimmer?“
Keiner. Weil uns dieser Ort „heilig“ ist. Wenn wir einmal unsere Scheuklappen abnehmen, ist klar: Die Erde ist unser Wohnzimmer. Sie ist der einzige Planet mit Wasser, Sauerstoff und bislang erträglichen Temperaturen. Es gibt keinen Plan B, weil wir keine Erde B haben.
Unser gesundes Leben hängt existenziell von einer gesunden Erde ab, wir müssen trinken, essen, atmen. Was die Natur uns ständig kostenlos zur Verfügung stellt, übersteigt jedes unsoziale Bruttosozialprodukt. Nur ist uns dieser Preis erst dann bewusst, wenn die Kreisläufe zusammenbrechen.
Dem Gedanken von „planetary health“ liegt eine medizinische Ethik zugrunde. Es gibt auch die „Allianz Klimawandel und Gesundheit“, und ich bin gerade dabei „Doctors for Future“ zu gründen.

Ärzte sind aufgefordert, Leben zu schützen und vor Gesundheitsgefahren zu warnen. Und wir sind ausgebildet, schlechte Nachrichten zu übermitteln.
Das habe ich versucht. Nicht, um euch die Hoffnung zu nehmen, im Gegenteil. Ihr werdet noch sehr viel länger leben als ich. Deshalb bekommt euren Hintern hoch, es geht um euer Leben, eure Familien und PatientInnen.

Und die wichtigste „Patientin“ ist Mutter Erde. Sie hat steigendes Fieber und Multiorganversagen von Lunge, Kreislauf und Entgiftung. Sie braucht unsere kollektive Intelligenz, und weltweite Zusammenarbeit, damit wir eine gemeinsame Zukunft haben. Um nicht – so wie in dem Witz – zu enden, wo sich zwei Planeten treffen. Die Venus sagt zur Erde: „Du siehst aber schlecht aus, was ist denn?“ Die Erde seufzt: „Ich hab mir homo sapiens eingefangen.“ Darauf die Venus: „Das geht vorbei!“