2/2019
UNIZEIT
10/12
© Uni Graz/Kernasenko

Nicht um jeden Preis

Von Impfungen über Antibiotika und Chemothera­pien bis hin zum Herzschrittmacher – die moderne Medizin hat vielen einst lebensbedrohlichen Erkrankungen ihren Schrecken genommen. Dabei denken wohl die meisten Menschen nicht daran, dass sie dies der Forschung mit Tieren verdanken. Auch heute noch lassen sich manche grundlegenden Erkenntnisse nur über Versuche an lebenden Organismen gewinnen. Dabei gelten aber strenge gesetzliche Vorgaben, um die Belastungen für die Tiere so gering wie möglich zu halten.

von Gudrun Pichler


Tierversuche sind unter ethischen Gesichtspunkten zweifellos ein schwieriges Thema. Tatsache ist: 89 Prozent aller seit 1901 verliehenen Nobelpreise für Physiologie und Medizin gehen auf Ergebnisse zurück, die ganz oder teilweise durch tierexperimentelle Forschung gewonnen wurden. Und die weitaus überwiegende Mehrheit der WissenschafterInnen im ­medizinisch-naturwissenschaftlichen Bereich ist sich einig, dass es zur Beantwortung einiger wesentlicher Fragen noch immer nicht möglich ist, ganz darauf zu verzichten. So bekennt sich auch die Universität Graz zu einer verantwortungsvollen Forschung mit Tieren.

Eine Biowissenschafterin, die in ihren Studien mit Mäusen arbeitet, ist Martina Schweiger. Sie versucht herauszufinden, warum Krebs­erkrankungen häufig zu einem extremen Gewichtsverlust bis hin zum Tod führen und wie man, um Zeit für die Tumorbehandlung zu gewinnen, die Abmagerung verzögern oder stoppen könnte. „Um diesen Mechanismus zu studieren, müssen wir Mäusen Tumorzellen implantieren und ihren Gewichtsverlust dokumentieren. Sobald er eine bestimmte Grenze erreicht hat, beenden wir den Tierversuch“, erklärt Schweiger.
Durch Untersuchungen in Zellkulturen oder mit isolierten Proteinen lässt sich die Anzahl an Tierversuchen möglichst niedrig halten. Für manche Fragestellungen aber sind Studien an lebenden Organismen unumgänglich. „Wir brauchen Tiermodelle, um die komplexen Zusammenhänge zu verstehen, die zu einer Erkrankung führen, und herauszufinden, wie wir diese am besten behandeln können. Solche Prozesse lassen sich noch nicht im Reagenzglas oder am Computer untersuchen“, bestätigt Martina Schweiger. Wie sie arbeiten in den Molekularen Biowissenschaften und den Pharmazeutischen Wissenschaften an der Universität Graz auch viele ihrer KollegInnen mit Mäusen und in einigen Fällen mit Ratten, um neue Erkenntnisse zu gewinnen und damit den Weg für noch wirksamere Therapien zu bereiten.

Maus im LaborRegeln zum Tierschutz
Der Nutzen zum Wohl der Menschen darf das Leid der Tiere aber nicht vergessen lassen. Das aktuelle österreichische Tierversuchsgesetz (TVG 2012), das die entsprechende EU-Richtlinie 2010/63/EU umsetzt, legt unter anderem fest, zu welchen Zwecken Versuche durchgeführt werden dürfen und wie die verschiedenen Tiere zu halten sind. Alle Versuche müssen vom Wissenschaftsministerium genehmigt werden, wobei auch die Notwendigkeit zu begründen und eine Schaden/Nutzen-Analyse durchzuführen ist. Neben klaren Voraussetzungen für die Genehmigung sind auch Abbruchkriterien definiert, um unnötiges Leid zu verhindern.
Das Gesetz verpflichtet ForscherInnen, die Zahl der Tiere und ihre Belastungen auf ein notwendiges Mindestmaß zu reduzieren. „An der Universität Graz tragen nicht-invasive Untersuchungsmethoden, wie etwa die Magnetresonanztomographie (MRT), wesentlich dazu bei. Durch die Anschaffung eines Kleintier-MRT konnten Tötungen zur Untersuchung von Organen und damit die Anzahl der Tiere stark verringert werden. Außerdem ermöglicht das Gerät weniger belastende Versuche“, berichtet Kathrin Zierler. Die Biowissenschafterin leitet das Tierschutz-Gremium an der Universität Graz. Dieses setzt sich aus VertreterInnen des wissenschaftlichen und des TierpflegerInnen-Personals zusammen. „Gemeinsam diskutieren wir Herausforderungen, Projekte und neue Vorschläge, wie wir die Haltungs- und Versuchsbedingungen für die rund 3 000 Mäuse und 15 Ratten noch besser gestalten können“, so Zierler.

Alternative Forschungsmethoden
Außerdem fordert das Gesetz, Tierversuche möglichst durch alternative Methoden zu ersetzen. Hier profiliert sich die Universität Graz besonders stark durch die Forschung mit Hefe. „Vor allem in Bezug auf den Fett- und Energiestoffwechsel eignen sich Hefezellen hervorragend als Modellsystem für zelluläre Grundlagenforschung, weil sie humanen Zellen in Aufbau und Funktionen ähnlich sind“, unterstreicht Sepp-Dieter Kohlwein, der am Institut für Molekulare Biowissenschaften eine Arbeitsgruppe leitet. Weitere Vorteile von Hefezellen: „Sie sind nicht nur ethisch unbedenklich, sondern auch sicher in der Handhabung und können in großen Mengen und sehr kostengünstig kultiviert werden, da sie nur 90 Minuten brauchen, um sich zu teilen“, so Kohlwein. Computermodelle, die Vorgänge im Inneren des Körpers simulieren – „in silico“ genannt – liefern zusätzlich wichtige Erkenntnisse.
Die Universität Graz legt größten Wert auf einen sensiblen und respektvollen Umgang mit Tieren. „Aus ethischen Gründen ebenso wie im Sinne der Qualität unserer Forschung setzen wir alles daran, eine möglichst schonende und wertschätzende Behandlung sicherzustellen“, unterstreicht Rektorin Christa Neuper. „Wir können die Forschung mit Versuchstieren nur dann verantworten, wenn der zu erwartende Erkenntnisgewinn die voraussichtliche Belastung der Tiere rechtfertigt.“