2/2019
UNIZEIT
7/12

Tumor-Therapie

Der Mensch besteht aus rund vier Billiarden Körperzellen, die sich zum Großteil regelmäßig erneuern. Dabei passiert eine sehr hohe Zahl an Fehlern. Körpereigene Kontrollsysteme beheben diese wieder – oder treiben irreparable Zellen in den programmierten Selbstmord. Versagt dieser Sicherheitsmechanismus allerdings einmal, teilt sich die defekte Zelle endlos weiter, und Krebs kann entstehen. Jeder achte Todesfall weltweit ist auf die Krankheit zurückzuführen. An der Universität Graz forscht Dagmar Zweytick mit ihrem Team an effizienten und schonenden neuen Therapiemöglichkeiten.
Rauchen, ungesunde Ernährung und der Kontakt mit chemischen Schadstoffen sind für mehr als sechzig Prozent der Krebsfälle verantwortlich“, schickt die Wissenschafterin voraus. Weitere zehn Prozent werden von Viren ausgelöst, hier können Impfungen vorbeugen. „Ein Gutteil der Erkrankungen ließe sich also vermeiden. Deswegen ist es für mich absolut unverständlich, dass es in Österreich immer noch kein Rauchverbot in der Gastronomie gibt“, betont Zweytick. Der blaue Dunst – auch passiv konsumiert – stört das menschliche Reparatursystem an einer bestimmten Stelle und löst damit mehr als zwanzig verschiedene Krebsarten aus. „In anderen Ländern hat diese Schutzmaßnahme zu einem deutlichen Rückgang der durch Rauchen verursachten Todesfälle geführt“, so die Biochemikerin.

Angriffspunkte
Das Spezielle an den bösartigen Zellen ist, dass sie sich schnell und unendlich vermehren und nicht sterben können. In der Therapie hat man daher lange Zeit auf wachstumshemmende Substanzen gesetzt. Eines der ersten Medikamente wurde sogar aus Senfgas abgeleitet, einem im Ersten Weltkrieg verwendeten Gift. „Nebenwirkungen auf ebenfalls schnellwachsende Zellen des Knochenmarks, der Schleimhäute oder des Blutes sind also zu berücksichtigen“, erklärt Zweytick.
Neuere, schonendere Ansätze wie die Antikörpertherapien, die erfolgreich bei Lymphom oder bei manchen Brustkrebs­erkrankungen eingesetzt werden, nutzen spezifischere Unterschiede an der Oberfläche von Tumor- und gesunden Zellen. Ähnlich der Zugang der Grazer Arbeitsgruppe: Krebszellen haben ein bestimmtes negativ geladenes Fettmolekül an der Außenseite. Unser angeborenes Immunsystem produziert Peptide – kurze Eiweiß-Moleküle –, die fremde Zellen an solchen negativen Ladungen erkennen und zerstören. Die Abwehrstoffe sind beispielsweise auf der Haut, in Tränenflüssigkeit, Speichel und in sehr hoher Konzentration in der Muttermilch anzutreffen. In ihrem natürlichen Vorkommen sind sie zu schwach, um schwere Erkrankungen heilen zu können. Durch gezielte Veränderungen können jedoch Abkömmlinge hergestellt werden, die für eine Therapie von Krebs anwendbar wären.
Zweytick und ihr Team forschen an der Entwicklung solcher neuartigen Antitumor-Peptide, abgeleitet aus dem Lactoferrin, einem Protein aus der Muttermilch. Im Labor und bei In-
vivo-Versuchen an Mäusen haben diese Wirkstoffe Tumore schon erfolgreich zerstört. „Sie erkennen die negativ geladenen Fettmoleküle, gelangen über diese ins Zellinnere und lösen dort den programmierten Selbstmord aus“, schildert die Biowissenschafterin.

Therapeutische Tücken
Was Krebs lebensgefährlich macht, sind zum einen widerstandsfähige Zellen, die die Medikamente einfach wieder hinauspumpen oder gar nicht erst eindringen lassen. Zum anderen vermutet man, dass chemo-resistente Tumor-Stammzellen überleben, die im Körper sehr lange verweilen und dann plötzlich zu wachsen beginnen oder Metastasen bilden. Besonders problematisch wird es, wenn solche im Kopf lokalisiert sind, da die Blut-Hirn-Schranke für die meisten Therapeutika eine unüberwindbare Hürde darstellt.
Die Lactoferrin-Abkömmlinge hingegen können diese Barriere durchdringen, zudem Metastasen abtöten und sogar gegen resistente Krebsarten wirken. Die Entdeckung wurde durch ein austro-amerikanisches Firmenkonsortium bereits in den USA und in Europa als Therapie für alle Krebsarten patentiert. Die WissenschafterInnen arbeiten nun noch daran, die Anwendbarkeit zu verbessern. „Sinnvollerweise sollte das Peptid über den Blutkreislauf verabreicht werden, damit es alle Krebszellen im Körper zerstört. Dazu muss es aber einige Hürden überwinden, um nicht abgebaut zu werden“, beschreibt Zweytick. Der nächste Schritt ist es daher, die Substanz so zu „tarnen“, dass sie ungehindert an die bösartigen Zellen gelangt. Dann sollte der Weg in klinische Studien frei sein. In weiterer Folge hoffen die ForscherInnen auf die Entwicklung eines neuen Medikaments. Trotz der rosigen Aussichten streicht Dagmar Zweytick hervor: „Das Wichtigste im Kampf gegen die Krankheit bleiben Früherkennung und ein gesunder Lebensstil.“

Was macht Krebszellen verwundbar?