Wie schätzen Sie die Situation in der Ukraine ein? Geben Sie demokratischen Kräften eine Chance?
Momentan herrscht Kriegsrecht, da sind viele demokratische Grundfreiheiten außer Kraft gesetzt. Die Medien sind gleichgeschaltet, unterliegen der Militärzensur, de facto fehlt jede Kritik am Präsidenten und an der Regierung. Das Parlament tagt zwar, aber prorussische Parteien sind verboten, was derzeit verständlich ist. Man wird jedoch sehr genau aufpassen müssen, dass die Ukraine nach Kriegsende zu klaren rechtsstaatlichen Prinzipien zurückkehrt.
Ein Schwenk nach Serbien, wo Sie ja auch tätig sind: Hat der Angriff Russlands die Lage dort destabilisiert? Wohin geht die Entwicklung Ihrer Ansicht nach?
Die Einschätzung, dass Serbien eine prorussische Linie fährt, ist sehr oberflächlich. Präsident Aleksandar Vučić handelt pragmatisch. Russland und China sind große Unterstützter in der Kosovo-Frage – sie erkennen die Republik nicht als eigenen Staat an –, China ist außerdem ein wichtiger Investor. Aber 70 Prozent der wirtschaftlichen Beziehungen bestehen mit der Europäischen Union. Serbien ist – wie andere Länder auch – gezwungen, eine Schaukelpolitik zu betreiben. Das Land hat die UN-Resolution gegen die russische Aggression mitgetragen, die EU-Sanktionen aber nicht, und lässt auch Flugverbindungen offen. Das ist eine sachliche, der jetzigen Situation angepasste Außenpolitik.
Wie beurteilen Sie Ihre Rolle als Berichterstatter? Ihre Informationen prägen das Bild vom Krieg in Österreich wesentlich. Zumindest zu Beginn waren Sie einer der wenigen, der der Ukraine Chancen eingeräumt hat.
Ich habe zwei Ziele: zum einen, die Lage objektiv zu beurteilen, zum zweiten, auch die andere Seite zu hören, zu bewerten, was jenseits der Frontlinie passiert. Ich bin nicht Journalist geworden, um jemanden zu beeinflussen oder zu überzeugen, sondern um der österreichischen Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, sich selbst ein Bild zu machen. Natürlich gehört da auch die Beurteilung der militärischen Lage dazu. Dass sich meine von jener anderer Expertinnen und Experten unterschieden hat, liegt an deren falscher Einschätzung. Die ukrainischen Streitkräfte von 2022 sind nicht vergleichbar mit denen von 2014/15. Sie wurden modernisiert, auch die Ausbildung verbessert. Meine eigene militärische Ausbildung und der Kontakt mit vielen Offizierskameraden helfen mir da.
Apropos Ausbildung: Nutzt Ihnen Ihr juristischer Hintergrund bei der Arbeit?
Auf jeden Fall, und zwar in ganz vielen Bereichen. Jeden Arbeits- oder Mietvertrag kann ich selbst begutachten. Die juristische Ausbildung prägt auch mein journalistisches Denken. Außerdem hilft mir natürlich das Wissen über die internationale Rechtsordnung, das Völkerrecht, das Haager Tribunal oder darüber, wie leicht beziehungsweise schwer etwas als Genozid zu klassifizieren ist.
Wie kann die Forschung zur Konfliktlösung beitragen? Nehmen Sie wissenschaftliche Expertise überhaupt wahr, oder bleibt die Forschung in der Blase stecken?
Ich bin immer wieder in Kontakt mit Vertretern der Uni Graz, zum Beispiel mit dem Menschenrechtsexperten Wolfgang Benedek. Aber manche Leute sitzen in ihrem Elfenbeinturm und betreiben eher Ideologie als angewandte Forschung. Als Widerschein der eigenen Darstellung, als Rückmeldung auf die eigene Berichterstattung ist das für mich wichtig. Um Konflikte militärisch oder politisch lösen zu können, braucht es allerdings lange diplomatische Erfahrung, die Macht, Entscheidungen durchzusetzen, und das Quäntchen Glück. Aktuell stellt sich in der Ukraine die Frage, wer überhaupt Interesse an einer raschen Friedenslösung hat. Derzeit kann die beste Diplomatie nichts bewirken.
Was würden Sie sich von einer Universität erwarten? Kann die Wissenschaft – pathetisch gesprochen – überhaupt etwas zum Weltfrieden beitragen?
Die Universitäten könnten viel zum Weltfrieden beitragen, wenn ihre Angehörigen weniger eitel wären. Ich sehe keinen direkten Zusammenhang zwischen der Forschung und den diplomatischen Möglichkeiten. Bei manchen Akademikern und Akademikerinnen erfolgt die Einschätzung aus einem Wolkenkuckucksheim, weil sie die Mentalität der Menschen nicht mitberücksichtigen. Manche Analysen sind gut, andere weit weg von der Realität. Aber Sach- und Fachkenntnisse von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern sind äußerst wichtig. Ich brauche auch gute Interviewpartner, die mir bei der Beurteilung von Entwicklungen helfen.
Welche beruflichen Ambitionen haben Sie?
Ich verfolge keine berufliche Mission. Korrespondent zu sein ist für mich die Königsklasse des Journalismus. Ich bin ja nicht nur Kriegsreporter, sondern berichte von der Faustpremiere in Belgrad genauso wie über den Schweinezüchter in Kroatien. Das ist ein sehr breites Feld, insofern bleibe ich gerne Korrespondent. Aber wenn Sie mich nach meinem wirklichen Lebensziel fragen: Ich will nach wie vor ein guter Vater und vor allem ein tausendprozentiger Großvater sein.