War es richtig, zu Kriegsbeginn Kontakte zu ForscherInnen in Russland abzubrechen und Kooperationen aufzugeben?
Sowohl in Zeiten des Krieges als auch im Frieden ist es wichtig, den wissenschaftlichen Austausch zu pflegen. Natürlich müssen in jeder Kooperation die Standpunkte und Risiken thematisiert werden, das ist nicht pauschal zu bewerten. Forschungskooperation können für kritische WissenschafterInnen in autoritären Ländern einen bestimmten Schutz bieten. Nicht mehr im Dialog zu bleiben, heißt, das Feld anderen zu überlassen.
Sie haben selbst in der Türkei ein Projekt zu interkultureller Pädagogik abgebrochen.
Ja, und das tut mir bis heute leid. Unsere Arbeit war politisch nicht mehr erwünscht, und meine KollegInnen vor Ort hatten begründete Sorge vor Konsequenzen. Auch ich habe mich persönlich nicht mehr sicher gefühlt. Jetzt fehlt uns der institutionelle Rahmen für Begegnung und unabhängige Einblicke in die Situation vor Ort.
Wie ist das bei Ihren Reisen in den Irak?
Ohne die direkten Einblicke, Gespräche und das Erleben der Situation vor Ort wären Forschung und Bildungsarbeit kaum möglich. Der formale Rahmen der Universitätenpartnerschaft schafft Schutz und Legitimität. Dennoch ist jede Reise sehr umsichtig vorzubereiten und Risiken abzuwägen.
Sie kennen mehrere ehemalige Kriegsschauplätze: den Kosovo, den Irak. Wie beurteilen Sie mit dieser Erfahrung die Lage in der Ukraine?
Übertragungen sind natürlich kaum zulässig und problematisch. Aus meiner Arbeit als Erziehungswissenschafterin weiß ich, wie schnell im Krieg Gemeinsamkeiten von Gesellschaften fundamental zersetzt werden, und dass es Jahrzehnte dauern kann, Solidarität und Vertrauen in das Gemeinwesen wieder entstehen zu lassen. Mit traumatischer Erfahrung und politischer Instabilität gehen oft auch das Vertrauen und die Bereitschaft verloren, sich für andere einzusetzen. Sinnvoller scheint es dann, sich um sich selbst und die Kernfamilie zu kümmern. Junge Menschen dafür zu gewinnen, sich für andere zu engagieren, ist nicht einfach. Es braucht gute pädagogische Konzepte.
Das von Heike Wendt initiierte Hochschulnetzwerk RESI bringt im Zuge des Krieges in Europa seine Erfahrungen zur Unterstützung von Hochschulen in verschiedene Foren ein. Die Forscherin engagiert sich zudem in einer weltweiten Initiative für ein International Year of Science Engagement und macht sich dort auch für Solidarität mit WissenschafterInnen in Krisenregionen stark ( Interview with Heike Wendt).