ARTENVIELFALT
Viele von ihnen gelten als Schädlinge, werden als lästig betrachtet, manchmal vielleicht sogar als ekelig. Dabei sind Insekten für das Ökosystem wichtiger als viele andere Tiere. Sie bestäuben Pflanzen, bauen den Boden auf, zersetzen Kot, Aas und organische Abfälle und sind nicht zuletzt Nahrung für andere Lebewesen.
„Das Aussterben unzähliger Insektenarten hat bereits erschreckende Dimensionen angenommen. Verantwortlich dafür sind vor allem Industrialisierung und die damit verbundene intensive Landwirtschaft“, mahnt Gernot Kunz vom Institut für Biologie der Universität Graz. Manche Krabbeltiere sind hoch spezialisiert und damit von wenigen Nahrungspflanzen abhängig. Andere verbringen ihr ganzes Leben auf einer Fläche von etwa fünf Quadratmetern.Die meisten Insekten – angefangen von kaum sichtbaren Springschwänzen im Boden über Mücken und Heuschrecken bis hin zu den Schmetterlingen – bevorzugen nährstoffarme Lebensräume. In der Landwirtschaft verwendeter Kunstdünger sowie der Stickstoff aus den Abgasen von Industrie und Verkehr setzen ihnen ebenso zu wie Pestizide, die sich enorm weit verbreiten können. „Das in weiten Teilen der Welt verbotene Gift DDT wird in Afrika häufig eingesetzt und kommt bei entsprechender Witterung bis nach Europa. Es ist sogar in unseren Gebirgsseen nachweisbar“, berichtet Kunz. Nicht einmal Naturschutzgebiete sind also ein sicherer Hafen.
Die Landwirtschaft ist ein weiteres Fallbeil für viele Arten. Wenn Pflüge oder Mähwerke mit hoher Geschwindigkeit über die Felder fahren, sind die meisten Tiere chancenlos. Außerdem verdichten die schweren Geräte den Boden und zerstören damit kleinteiligen Lebensraum. Hecken, Bäume und Sträucher zwischen Äckern – Oasen für die Biodiversität – werden immer seltener.
Abhilfe schaffen könnte die Beweidung mit alten Nutztierrassen, wenn nur wenige Ziegen, Schafe oder Kühe eine große Fläche zur Verfügung haben. Sie bringen dann durch die Tritte eine Struktur in den Boden, kratzen ihn auf, erzeugen sogar Trampelpfade, auf denen dann nichts mehr wächst, aber zahlreiche Wildbienenarten nisten können. „Viele kleine Unebenheiten sind wie Berge und Täler auf sehr engem Raum. Nur so können sich bestimmte Insekten vor zu viel Sonne schützen oder bei Regen dem Wasser entkommen“, erklärt Kunz. Der Kot der Weidetiere ist außerdem Lebensraum für spezialisierte Arten. „Eine Kuhflade ist ein Eldorado für die Insektenvielfalt, wenn nicht das Entwurmungsmittel Ivermectin im Einsatz war“, schwärmt der Biologe. Eine ebenso wichtige Nahrungsquelle ist Aas. „Ideal wäre es, wenn der eine oder andere größere Kadaver liegen gelassen würde“, meint der Forscher. Das gilt auch für den Wald, wo zur Seuchenprävention verendete Tiere entfernt werden.
Unordnung zulassen
Rund 1500 Käferarten leben in Österreich im Totholz. Sie ernähren sich vom abgestorbenen Material, legen ihre Eier dort ab, und aus den Larven entwickeln sich manchmal erst nach mehreren Jahren geschlechtsreife Tiere. „Viele Prachtkäfer und der Bockkäfer sind Beispiele dafür“, schildert Kunz. „Sie riechen frisch abgestorbene Gehölze und fliegen an die entsprechenden Stellen, um zu kopulieren.“ Die Entwicklung der Nachkommen kann bis zu fünf Jahre dauern. Die Ausschlupflöcher, die die reifen Käfer dann hinterlassen, nutzen wiederum Wildbienen. In einem bewirtschafteten Wald gibt es praktisch keinen Lebensraum mehr für diese Insekten, denn nirgendwo bleiben geerntete Baumstämme so lange liegen.
Aus Angst vor Borkenkäfern – Schaden verursachen bei uns vor allem der Buchdrucker und der Kupferstecher – legen Forstwirt:innen meist besonderes Augenmerk auf einen „aufgeräumten“ Wald und transportieren geschlägertes Holz rasch ab. „Wirklich gefährdet sind angebaute Fichten unter etwa 700 Meter Seehöhe. Sie können aufgrund der Trockenheit durch den Klimawandel nicht mehr genug Harz produzieren, um sich gegen den Schädling zu wehren“, führt der Forscher aus. In so tiefen Lagen kommen Fichten in Mitteleuropa in freier Wildbahn gar nicht vor. Man könnte aber ihre Stämme entfernen oder nur entrinden, und alle anderen Hölzer getrost liegenlassen, ergänzt Kunz.
von Dagmar Eklaude
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