Zweisprachig aufzuwachsen wird nicht immer positiv betrachtet. Schüler:innen hätten Defizite, hört man von Lehrpersonen. Können Sie das bestätigen?
Wenn Kinder von klein auf zwei oder mehrere Sprachen hören, lernen sie diese tendenziell meist etwas langsamer, aber genauso gut wie andere. Und sie haben dann später nicht nur zusätzliche Kompetenzen, sondern auch kognitive Vorteile gegenüber Einsprachigen.
Welche sind das?
Eine größere Fähigkeit etwa, wahrzunehmen, was andere denken oder fühlen. Wichtig ist aber, dass sie in allen Sprachen alphabetisiert werden. Hörverständnis und mündliche Ausdrucksweise eignen wir uns ja automatisch an, Lesen und Schreiben müssen wir hingegen in der Schule, von den Eltern oder älteren Geschwistern lernen. Studien zeigen, dass sich eine Zweitsprache dann gut entwickeln kann, wenn auch die Kompetenzen in der Erstsprache gut ausgebildet sind.
Was bedeutet das für Familien in Österreich, in denen zu Hause nicht Deutsch gesprochen wird?
Eltern sollten ihre Kinder zum Herkunftssprachenunterricht anmelden, der österreichweit meist schulübergreifend angeboten wird. Das ist allerdings im Prinzip fast eine Freizeitbeschäftigung, da er oft außerhalb des regulären Stundenplans stattfindet. Um solche Hürden zu beseitigen, wäre es gut, wenn Schulen häufige Erstsprachen in der Umgebung in ihr Angebot aufnehmen würden. In den steirischen Mittelschulen verwenden rund 22 Prozent der Kinder eine andere Sprache als Deutsch im Alltag, in den AHS und BHS sind es immerhin noch 16 Prozent. Die häufigste davon ist Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, die man auch im Lehramt studieren kann.
Wo hapert es an den Schulen sonst noch?
In den Lehrplänen ist Mehrsprachigkeit fächerübergreifend bereits verankert. Das Thema wird zwar oft in Projektwochen aufgenommen, allerdings im Regelbetrieb noch zu wenig umgesetzt. Nur in berufsbildenden Schulen gibt es mittlerweile den Unterrichtsgegenstand Mehrsprachigkeit, in dem die positiven Aspekte thematisiert werden. Man kann in diesem Fach auch die Diplomprüfung ablegen. So wird es möglich, den Scheinwerfer durchgehend auf alle Sprachen zu lenken, die in einer Klasse beherrscht werden. Schüler:innen, die mehr als nur Deutsch können, rücken so automatisch in den Mittelpunkt, erfahren Wertschätzung und Anerkennung.