Ich arbeite für das steirische Logistikunternehmen Jerich International in den USA und bin dort für das Business Development verantwortlich. Ich konnte viele Teile des Landes bereisen, lebte einige Jahre in Kalifornien und bin nun mit meiner Frau und unseren Kindern an der Ostküste stationiert. Wir haben quasi die Surfboards gegen Wolkenkratzer eingetauscht – ein ziemlicher Kulturschock. Aber wer Grenzen überschreitet, muss mit Veränderung rechnen. Das gewohnte Umfeld zu verlassen, macht den Schritt ins Ausland einerseits herausfordernd, andererseits unglaublich bereichernd – wenn man offen dafür ist.
Meine internationale Karriere begann übrigens schon mit 26 Jahren. Bereits zwei Wochen nach Arbeitsbeginn bei Jerich wurde ich für mehrere Monate nach Luxemburg entsendet. Wer die Logistik- und Supply-Chain-Branche kennt, weiß: Internationaler geht es kaum. „Den Mutigen gehört die Welt.“ Dieses Zitat von Oliver Staples, eines Lehrenden an der Universität Graz, begleitet mich seit Jahren. Ebenso wie der Leitsatz „Von nichts kommt nichts.“ Man braucht Mut und Antrieb, um Ziele zu erreichen – und das funktioniert nur mit entsprechendem Einsatz. Der richtige Ausbildungsansatz ist dabei entscheidend, um eine positive mentale Einstellung zu fördern – eine Einstellung, die im wahrsten Sinne des Wortes Grenzen verschieben kann.
Tun statt denken
Meiner Beobachtung nach sind wir Österreicher:innen grundsätzlich eher konservativ, wenn es um Risikobereitschaft geht, und oft auch zu kritisch. Wir überlegen uns schnell, warum etwas nicht funktionieren wird – nicht selten, weil wir das Scheitern anderer als Bestätigung für eigene Zweifel sehen. In den USA ticken die Menschen da ganz anders – und davon könnten wir uns eine Scheibe abschneiden. Der amerikanische Erfindergeist und das damit verbundene positive Denken haben wesentlich dazu beigetragen, dass die USA mit ihrer „Let’s-do-it“-Mentalität eine führende Rolle in der technologischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte einnehmen konnten.
Auch in der Selbstvermarktung haben uns die Amerikaner:innen einiges voraus. Paradebeispiele sind Apple im Bereich Mobiltelefonie und Tesla in der Elektromobilität. Beide haben es geschafft, etablierten Marktführern den Rang abzulaufen, und gezeigt, dass Grenzen verschoben – oder sogar neu definiert – werden können. In beiden Fällen war die europäische Konkurrenz die große Verliererin – und das meiner Meinung nach nicht zufällig. Denkweisen und Glaubenssätze, die in der deutschsprachigen Gesellschaft tief verankert sind, machen uns zwar zu stabilen, verlässlichen Menschen, bremsen aber gleichzeitig unsere Fähigkeit, wirklich visionär zu denken. Natürlich gibt es viele Gründe, warum Unternehmen Marktanteile verlieren. Aber oft spielen Fehleinschätzungen von Trends, ein Verharren in bequemen Positionen und Angst vor Veränderung eine zentrale Rolle.
Deshalb sehe ich gerade Schulen und Universitäten in der Pflicht, die Entwicklung eines offenen, zukunftsorientierten Mindsets zu fördern. Natürlich brauchen wir keine Tagträumer:innen, aber ein wenig mehr Optimismus würde unserer Gesellschaft guttun. Um Grenzen zu verschieben, brauchen wir eine Generation mit Drive – nicht nur Vier-Tage-Woche-Work-from-Home-YouTuber.
Bildung verbessern
Ein besonders wichtiger Hebel ist die Integration von Praxiserfahrung während des Studiums. Das Bachelor-Master-System bietet hier eine gute Struktur. Ergänzend sehe ich Trainee-Programme als hervorragende Möglichkeit, um ein ganzheitliches Verständnis für eine Branche zu erlangen – vom Einstieg bis in die Führungsetage. Das schafft Respekt für alle Ebenen der Wertschöpfungskette.
Während meiner Studienzeit wurden Wahlfächer oft nach dem Prinzip „so einfach wie möglich“ ausgewählt – selten mit dem Anspruch, wirklich etwas Relevantes mitzunehmen. Ich plädiere dafür, jene Studierenden gezielt zu fördern, die bereits beruflich tätig sind und damit auch ins Sozialsystem einzahlen. Schließlich wird die universitäre Ausbildung größtenteils von der Allgemeinheit finanziert. Ein solches Anreizsystem würde die Botschaft vermitteln: Leistung wird belohnt.
Ich bin auch für die Einführung eines Studienbeitrags – vorausgesetzt, dieser kommt direkt den Universitäten zugute. Die kostenfreie Bildung an österreichischen Hochschulen ist ein Privileg und sollte nicht als selbstverständlich betrachtet werden. In den USA etwa bewegen sich die Studiengebühren pro Semester oft im fünfstelligen Dollarbereich. Wäre es wirklich so schlimm, moderate Summen einzuheben, wenn dadurch Qualität und Angebot verbessert würden? Ich denke, es gibt viele faire Modelle – man müsste dafür nur bereit sein, ein paar gedankliche Grenzen zu überschreiten.