Wie werden wir Grenzen los?
2/2025
13/13

Weichen stellen

Joachim Reidl gestaltet als Vizerektor für Forschung die wissenschaftliche Landkarte der Universität Graz mit. Im Interview spricht er über überraschende Erfolge, rote Linien und unbegrenzte Möglichkeiten.

Interview: Dagmar Eklaude

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Forscher:innen haben in den letzten Jahrzehnten Erkenntnisse gewonnen, die vor 200 Jahren noch unvorstellbar waren. Nahezu alles scheint heute möglich. Wo wird die Wissenschaft Ihrer Einschätzung nach in den nächsten fünfzig Jahren noch an ihre Grenzen stoßen?

In die Kristallkugel kann ich natürlich nicht schauen, aber ich würde sagen, es gibt keine Grenzen. Vielleicht kratzen wir momentan erst an der Oberfläche, wer weiß das? Durch die KI erwarte ich mir einen großen Sprung. Allerdings wird es schwer, auch ihre Risiken im Griff zu haben. Ich befürchte, da werden wir hinterherlaufen.

Sie sind Molekularbiologe. Ihr Fach setzt unter anderem auf Laborversuche. Wie oft bringen diese nicht die erhofften Ergebnisse? Woran merkt man, dass man sich in einer Sackgasse befindet? Und wie motiviert man sich, trotzdem weiterzumachen?

Empirische Analysen liefern ständig Daten. Mit der Erwartung, dass diese die aufgestellte Hypothese stützen, rennt man oft in eine Sackgasse. Ich konnte die Ergebnisse der Experimente kaum erwarten, um zu sehen, ob die Hypothese stimmt. War das der Fall, war die Freude riesengroß und hat mich angetrieben, weiterzumachen. Es muss nicht jeden Tag ein Volltreffer sein, aber einmal im Jahr wäre schon gut.

Gentechnik verspricht viele neue Möglichkeiten in der Prävention und Früherkennung von Krankheiten. Gleichzeitig ist in der Bevölkerung die Angst davor groß. Wie gut sind aus Ihrer Sicht die Folgen von Eingriffen in die DNA abschätzbar? Können Sie die Bedenken zerstreuen?

Die Anwendung von Gentechnik gerät immer dann unter Verdacht, wenn ein Profitgedanke dahinter ist. Eher akzeptiert ist sie, wenn Krankheitsverläufe zumindest gelindert werden können. Nein, Bedenken kann ich keine zerstreuen. Solange Ethikregeln eingehalten werden und unabhängige Kontrollgremien eingebunden sind, ist das Risiko überschaubar. Werden diese allerdings bewusst – und vielleicht sogar von der Politik gewollt – ignoriert, wird es gefährlich. Ich muss jetzt keine Länder nennen, oder? Es geht um Krankheitserreger, Biowaffen und neue Pflanzenarten, die ungeprüft freigesetzt werden.

Gerade die biomedizinische Forschung muss sich rasch ethischen Fragen stellen. In Österreich gibt es dafür strenge rechtliche Vorgaben. Wie beurteilen Sie diese?

Die Vorgaben sind immer den Gegebenheiten anzupassen. Ethikkommissionen sind verbindlich, vor allem wenn Entscheidungen im medizinischen Bereich anstehen. Meistens betrifft das noch nicht zugelassene Therapien, die an einzelnen Patient:innen angewendet werden. In demokratischen Gesellschaften ist es unsere Verantwortung, enge ethische Maßstäbe einzuhalten.

Sind Tierversuche immer noch notwendig?

Die Tendenz ist rückläufig, und das ist gut so. Wir suchen Alternativen, wo es geht. Im medizinisch-pharmakologischen Bereich sind Tierversuche allerdings unverzichtbar, sonst müssten wir uns komplett aus der Entwicklung maßgeblicher Medikamente herausnehmen. Bei der Zulassung von Wirkstoffen sieht internationales Recht vor, dass am Menschen nur das getestet werden darf, was zuvor am Tier gezeigt wurde.

Künstliche Intelligenz kann auch in der Wissenschaft viele Arbeiten übernehmen. Wo sehen Sie Grenzen für ihren Einsatz? Braucht es neue Richtlinien?

Die schwache KI, die kein eigenes Bewusstsein entwickelt, also die Chatbots und ChatGPTs dieser Welt, sind eine große Erleichterung. Beim Generieren von Texten und Publikationen ist KI äußerst hilfreich – vergleichbar mit der Grammatik- und Rechtschreibkorrektur in Word. Die anfänglichen Bedenken, dass man die Verfasser:innen der Papers nicht mehr erkennen würde, haben sich in der Praxis nicht bestätigt. Es zählt immer noch die Idee und ihre Originalität. Wovor ich allerdings warne, ist die starke KI, an der große Unternehmen arbeiten. Die wird sich selbst Meinungen bilden, Entscheidungen treffen und Taten folgen lassen können. Wir brauchen unbedingt rechtzeitig ein starkes Reglement, bevor solche Werkzeuge zum Einsatz kommen.

Gibt es für Sie eine rote Linie, die die Forschung nicht überschreiten darf?

Die Forschung in meinem Feld sollte wahnsinnig aufpassen mit gentechnisch veränderten Lebensformen. Wenn man per Zufall oder Intention eine neue Art kreiert und freisetzt, ist das ein Super-GAU in meinen Augen. Ein zweiter Punkt: Forschungsförderung muss absolut transparent und zumindest in der Dokumentation nachverfolgbar sein.

Als zuständiger Vizerektor gestalten Sie die Forschungsschwerpunkte der Universität Graz mit. In welchen Bereichen werden unsere Wissenschaftler:innen in den nächsten fünf Jahren womöglich Bahnbrechendes erreichen?

Wir sind eine sehr heterogene Volluniversität. Da ist es unvorhersehbar, aus welchen Gebieten die nächsten hervorragenden Vorhaben und exzellenten Ergebnisse kommen. Genau das ist das Spannende an meiner Arbeit. Was uns auszeichnet, sind die Menschen und ihre Ideen. Die versuchen wir auch finanziell zu unterstützen. Dafür ist es mir wichtig, die Schilderungen der Forschenden anzuhören. Wie enthusiastisch sind sie? Brennen sie für ihr Projekt? Können sie es gut belegen?

Sie entscheiden dann tatsächlich individuell über Förderungen?

Ja, in Zusammenarbeit mit den Fakultäten. Meist ist es wichtig, dass Geld schnell fließt. Effiziente Strukturen erleichtern die Arbeit. Der kurze Weg ins Rektorat und rasche Entscheidungen sind positiv für unsere Mitarbeiter:innen. Gerade junge Wissenschaftler:innen können oft noch keine großen Erfolge vorweisen. Da braucht es ein gutes Maß an Intuition, um ihre Potenziale einzuschätzen.