Vielfalt in einer Gesellschaft zuzulassen und wertzuschätzen, ist nicht nur eine Frage gleicher Rechte für alle. „Diversität steigert die Kreativität – kulturell, in der Kunst und in der Wirtschaft“, sagt Zorica Siročić. Die gebürtige Kroatin forscht als Postdoc am Institut für Soziologie der Uni Graz zu feministischen und LGBTQ-Bewegungen. Ihr Fokus liegt dabei auf Südosteuropa. Unter anderem interessiert sie sich dafür, mit welchen Mitteln die Akteur:innen für ihre Rechte eintreten und wie erfolgreich sie dabei sind.

Die Vielfalt feiern 
Eine für Siročić besonders spannende Form des Aktivismus der LGBTQ-Community sind Festivals. Diese begannen in Südosteuropa um 2010 zu boomen. „Viele solcher feministischen und queeren Veranstaltungen können als eine Art ,reparative politics‘ betrachtet werden“, sagt die Forscherin und erklärt: „Was in der Gesellschaft nicht möglich ist, wird bei diesen Events gelebt. Was falsch läuft, wird sozusagen repariert.“
Normalerweise richtet sich Aktivismus gegen die offizielle Politik, in Opposition zu vorherrschenden Meinungen, übt Kritik. Festivals funktionieren anders. „Sie sind weniger reaktiv als vielmehr kreativ. Sie bieten den Teilnehmenden die Möglichkeit, Freude, Freiheit und Sicherheit zu erfahren und zu fühlen – was non-binäre und queere Menschen in den untersuchten Ländern selten können“, so Siročić. „Das ist einzigartig. Statt für etwas zu kämpfen und zu warten, bis es erreicht und umgesetzt ist, wird die Vision im Hier und Jetzt für eine begrenzte Zeit zur Realität.“
Gleichzeitig tragen die Veranstaltungen dazu bei, eine kollektive Identität aufzubauen. „Sie kommunizieren ihre Message und ziehen neue Leute an. Statt nur darum zu bitten, gehört und repräsentiert zu werden, schafft die Community proaktiv eine Plattform, um sich auszudrücken und eigene Themen zur Sprache zu bringen. Die Events bieten Gelegenheit und Raum, wichtige Fragen zu eröffnen und zu diskutieren, gegebenenfalls auch intern Kritik zu äußern“, führt Siročić aus.
Aber nicht nur für die Teilnehmer:innen selbst sind Festivals von Bedeutung. „Sie bereichern Orte und Städte durch ihre unglaubliche kulturelle Produktivität, mit kreativem, künstlerischem Content, der in anderen Institutionen kein Forum hat“, erklärt die Soziologin. Dahinter stehen unglaublich viel freiwilliges Engagement und Arbeit.


An die Geschichte erinnern 
Was für die einen Freiheit und Freude bedeutet, macht anderen Angst, verbunden mit Ablehnung bis hin zum Hass. Wie weit können Engagierte Aufmerksamkeit erregen, ohne ihre eigenen Ziele zu torpedieren? Eine Frage, die sich für die Soziologin nicht so einfach beantworten lässt. Für einen Teil der Gesellschaft überschreitet etwa die Pride Parade die Grenze zum Tolerierbaren, für andere ist sie zu wenig kämpferisch. „Aktivismus kann starke Gegenreaktionen hervorrufen. Wahrscheinlich tut das jede soziale Bewegung oder Kampagne, die erfolgreich ist“, meint Siročić und mahnt zum Blick in die Vergangenheit: „In Österreich wie auch in vielen anderen Ländern war Homosexualität bis in die 1970er-Jahre strafbar. Es ist fraglich, ob sich ohne mutiges Auftreten die Situation geändert hätte.“ Nichts zu tun, würde bedeuten, soziale Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Marginalisierung zu akzeptieren.
Aktivitäten in der Gegenwart nehmen immer auch Bezug auf die Geschichte und sind ein Gedenken an die Unterdrückung von einst. Das gelte für den internationalen Frauentag am 8. März genauso wie für die Pride Parade. „Seit ihren Anfängen in den 1970ern war sie sehr wichtig für die LGBTQ-Bewegung. Wie ihr Name schon sagt, forderte sie das Stigma und die Schande heraus und bot ein neues, positives emotionales Framing, indem sie Freude und Stolz zum Ausdruck brachte“, schildert Siročić. Gleichzeitig war die Parade ein Mittel, um sichtbar zu werden und zu zeigen, dass die queere Community ein wichtiger Teil einer Stadt ist. Davor taten Politik und Gesellschaft so, als existiere sie nicht. „Die Pride gab einer marginalisierten Gruppe eine Stimme und eine stolze kollektive Identität.“
 
Hinter die Fassade blicken 
Ungarn, das nicht-heterosexuelle Lebensformen massiv unterdrückt und mit seiner Politik regelmäßig für Schlagzeilen sorgt, ist kein Einzelfall. Die gesamte europäische Rechte sowie Donald Trump und seine Anhänger:innen fordern eine Rückkehr zu einer Gesellschaft, in der die Mehrheit den Ton angibt und Minderheiten an den Rand drängt. Die Ablehnung von Diversität geht häufig einher mit autoritären Strukturen, die Persönlichkeitsrechte, Meinungsfreiheit und Mitbestimmung einschränken. „Auch die Demokratie ist nicht perfekt, aber sie ist das Beste, was wir haben. Es scheint jedoch, dass vielen Menschen die Wertschätzung dafür verloren gegangen ist“, befürchtet Siročić. Hat sich ein autokratisches System erst einmal etabliert, ist der Weg zurück schwierig. „Freie Medien, eine aktive Zivilgesellschaft und eine funktionierende politische Kontrolle wieder aufzubauen, braucht Zeit“, so die Forscherin.
Was tun, damit es erst gar nicht so weit kommt? „Zuerst einmal müssen wir von unserem Stimmrecht Gebrauch machen und gut achtgeben, wen wir wählen“, betont Siročić und fügt hinzu: „Das erfordert ein gewisses Commitment und eine politische Grundbildung. Denn populistische, emotionalisierte Darstellungen und Narrative können sehr überzeugend sein. Wir müssen uns die Zeit nehmen, sie zu hinterfragen, um zu verstehen, was dahintersteckt.“ Damit wir unsere Entscheidungen auf Basis objektiver, rationaler Überlegungen treffen können, brauche es zudem professionellen, unabhängigen, faktenbasierten Journalismus. „Ich habe den Eindruck, dass die Menschen die Bedeutung und den Wert freier Medien nicht mehr hoch genug einschätzen“, bedauert Siročić.
 
Über Gemeinsamkeiten reden 
Die Soziologin forscht auch zur Kreativität in der Politik. „Der amerikanischer Philosoph und Pädagoge John Dewey sagte in den 1930er-Jahren angesichts des Aufstiegs des Nationalsozialismus in Europa und des Rassismus in den USA, dass die Demokratie kreativ sein muss, damit eine Gesellschaft autoritären Tendenzen Widerstand leisten kann. Ich finde, dass der Aktivismus eine Art Toolbox dafür bereithält, wie wir Politik kreativ gestalten können, damit sie lebendig bleibt“, meint Siročić. Die etablierten Parteien gewährleisten Stabilität und Vorhersehbarkeit. Das sei wichtig. Um auf aktuelle Herausforderungen zu antworten, brauche es aber mehr Flexibilität. Aktionistisches Engagement könne neue Lösungen vorantreiben.
„Auch wer nicht als Aktivistin oder Aktivist im engeren Sinne auftreten will, kann doch zuhören, offen und aufmerksam sein – mit Vernunft und Empathie für unterschiedliche Sichtweisen“, appelliert Siročić an uns alle. „Als Menschen teilen wir so viele Gemeinsamkeiten, Bedürfnisse und Wünsche, wie zum Beispiel Frieden. Das betonen wir zu wenig.“ Für ein gutes Leben brauche es Solidarität und Vertrauen. „Panikmache, Vereinfachung und Schwarz-Weiß-Malerei sind mächtige Tools, die uns vom Nachdenken abhalten und Offenheit in der Gesellschaft verhindern.“

von Gudrun Pichler

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