3/2019
UNIZEIT
11/13

Facts for Future

„Man darf die Jugendlichen nicht unterschätzen. Die sind extrem engagiert und wollen etwas bewegen“, konstatiert Laura Zierler. Die 23-Jährige studiert Lehramt für Biologie und Geschichte an der Universität Graz und war schon bei mehreren Treffen der Fridays for Future dabei. „Natürlich bin ich in meiner Blase, aber in der gibt es sehr viele junge Leute, die die Hintergründe des Klimawandels kennen und sehr aktiv sind, um etwas dagegen zu unternehmen.“ Wenn auch der eine oder die andere aus weniger hehren Gründen an einer Demonstration teilgenommen haben mag, so hat die Jugendbewegung doch einige Steine ins Rollen gebracht. „Es gibt seither seitens der Schulen eine große Nachfrage nach mehr Klimabildung“, weiß Zierler. Sie hat sich einer von Klimaökonom Karl Steininger ins Leben gerufenen Gruppe von Studierenden angeschlossen, die auf Bestellung maßgeschneiderte Vorträge für OberstufenschülerInnen halten.
„Aktuelle vertiefende Erkenntnisse zu den physikalischen Zusammenhängen sowie humanitäre und ökonomische Effekte des Klimawandels werden im Unterricht oft nur am Rande erörtert. Ohne das Wissen um die Auswirkungen unseres Handelns kann es aber kein Umdenken in der Gesellschaft geben“, beschreibt Steininger die Motivation für seine Initiative, für die es bereits viel positives Feedback von den LehrerInnen gibt. Fortgeschrittene Studierende der Umweltsystemwissenschaften beziehungsweise eines Unterrichtsfachs besuchen in Zweierteams Schulen und geben die relevanten Informationen wissenschaftlich fundiert, aber speziell aufbereitet an die Jugendlichen weiter. Thematisiert wird unter anderem, was den Klimawandel verursacht, wie er sich manifestiert – etwa durch einen steigenden Meeresspiegel oder häufigere Extremwetterereignisse – und welche Konsequenzen das für das Ökosystem und die Wirtschaft hat. „Natürlich bringen wir auch zur Sprache, was man als Einzelperson dagegen tun kann, welche Regeln Staaten oder die EU aufstellen müssten und wie man Klimagerechtigkeit erreichen kann“, führt Laura Zierler aus.
Das Interesse der SchülerInnen an den Vorträgen ist enorm. Viele haben sich – oft über Social Media – punktuelles Wissen angeeignet, sind sich der größeren Zusammenhänge aber nicht bewusst. „Beispielsweise fehlt das Verständnis, dass moderne Technologien wie das E-Auto zwar ebenfalls Emissionen verursachen, aber im Betrieb der Umwelt weniger Schaden zufügen als herkömmliche“, hat die Studentin beobachtet und betont: „Ökologie- und Umweltbewusstsein in der Schule stärker zu verankern, ist extrem wichtig. Egal, in welchen Berufen die Kinder tätig sein werden, überall müssen in Zukunft Maßnahmen gesetzt werden, um den CO2-Ausstoß zu verringern.“ Die Jugendlichen haben sehr kreative Lösungsansätze, noch keine eingefahrenen Denkstrukturen und könnten da sehr viel verändern, meint Zierler. Besonders bei der Stadtbevölkerung hat sie festgestellt, dass der Bezug zur Natur fehlt und die Komplexität des Ökosystems nicht erkannt wird. „Da ist den Kindern beispielsweise der Unterschied zwischen einer wertvollen Blumenwiese und einem getrimmten Rasen, der keinen Lebensraum für Insekten bietet, nicht klar.“
Ebenfalls Aufholbedarf bei der Vermittlung von Klimaschutz-Wissen in den Schulen sieht Uwe Simon, Leiter des Fachdidaktikzentrums für Biologie und Umweltkunde an der Universität Graz. „Der Einsatz der Studierenden ist aber ein erfreulicher Trend in die richtige Richtung“, ist er überzeugt. Die stärker hervorgehobene Bedeutung der Bildung für nachhaltige Entwicklung in künftigen Lehrplänen sei auch dem intensiven Bemühen der Fridays-for-Future-Bewegung zu verdanken. „Ich bewundere das hervorragende Engagement dieser Organisation. Es zeigt, dass doch keine Politikverdrossenheit unter der heranwachsenden Generation herrscht“, unterstreicht er.
Zu beobachten bleibt, wie weit sich der Aktivismus im Lebensstil niederschlägt. „Sind die Jugendlichen bereit, der allgegenwärtigen Wegwerfgesellschaft einen bewussteren Umgang mit Konsumgütern entgegenzusetzen – also zum Beispiel ihr Smartphone nicht bereits nach ein, zwei Jahren auszutauschen, eine Hose oder ein T-Shirt nicht nur wenige Wochen zu tragen? Verzichten sie auf eine Maturareise per Flugzeug?“, fragt Simon. Das zu erforschen steht auf seiner Agenda.
Der Fachdidaktiker will auch die Schulen und die Politik in die Pflicht nehmen: „Es geht beispielsweise um Nachhaltigkeit in der Ernährung – etwa durch die Nutzung regionaler Produkte in der Mensa. Ebenso könnte man Fotovoltaik-Anlagen installieren, Fassaden- oder Dachbegrünungen angehen, intelligente Heizstrategien entwickeln, eine Insekten-freundliche Vorzeigewiese im Schulhof pflanzen und den öffentlichen Nahverkehr als Alternative zum Privatauto für Schulwege attraktiver machen.“ Durch die Diskussion und Umsetzung konkreter Maßnahmen würde man das Bewusstsein der SchülerInnen stärken. „Wir als Universität könnten diese Aktivitäten gut begleiten und erheben, wie sehr sie sich auf den Lebensstil der Jugendlichen auswirken.“