3/2019
UNIZEIT
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© Uni Graz/Kernasenko

Weiter wachsen

Die gute Nachricht für Bäuerinnen und Bauern in Österreich: Ein moderater Klimawandel verlängert die Vegetationsperiode, wodurch vor allem im grünlanddominierten Westen der Ertrag in den nächsten Jahrzehnten steigen dürfte. Für Obst, Gemüse und Wein könnten sich die Bedingungen ebenfalls verbessern. Von den gesamtwirtschaftlichen Gewinnen – bis 2030 haben die ForscherInnen ein Plus von 280 Millionen berechnet – profitiert allerdings nicht das ganze Land. 

«Hitze und Trockenstress führen im Osten voraussichtlich zu Ernteeinbußen im Ackerbau und reduzieren damit den positiven Effekt»,

beschreibt Gabriel Bachner. Er hat mit Karl Steininger und Birgit Bednar-Friedl im Rahmen der Studie COIN (Cost Of INaction) unter anderem die ökonomischen Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft analysiert.
Die ExpertInnen haben noch eine schlechte Nachricht: Starkregen, Hagel, Überflutungen, Schädlingsbefall und Zusatzkosten für Bewässerung sind in die zu erwartenden Profite nicht einberechnet und könnten sie gebietsweise völlig auffressen.
Die Forschungsergebnisse des Grazer Teams sind in die
nationalen Anpassungsstrategien des Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus eingeflossen, die detaillierte Handlungsempfehlungen für Ackerbau, Grünland, Obst-, Gemüse- und Weinbau sowie Tierhaltung und Fischzucht beinhalten. Den Bäuerinnen und Bauern wird geraten, im hoch vulnerablen Osten auf hitzeresistentere Sorten umzusteigen, die auch Trockenheit besser vertragen. „Die LandwirtInnen passen sich oftmals schon von sich aus an klimatische Veränderungen an, allerdings nur soweit es die bestehenden Betriebsstrukturen zulassen“, beschreibt Nina Knittel, ebenfalls Ökonomin am Wegener Center. Größere Umstellungen – etwa die vom spätfrostanfälligen Apfelanbau in der Südoststeiermark auf andere Erzeugnisse – sind für viele undenkbar. „Derzeit sind die Betroffenen eher bereit, mit extremem Aufwand die Folgen von Eisnächten im Frühling abzuwenden, obwohl mittelfristig der Wechsel auf  anderes Obst oder Gemüse günstiger sein könnte“, so Knittel.

Eine weitere Herausforderung für die Landwirtschaft sind neue Schadorganismen, die sich durch die klimatischen Veränderungen bei uns immer besser ausbreiten können. Das betrifft auch die Wälder und deren volkswirtschaftlichen Stellenwert, mit dem sich Gabriel Bachner befasst hat. „Bei milderen Temperaturen fühlt sich der Borkenkäfer sehr wohl, besonders in den hierzulande verbreiteten Monokulturen der Fichtenwälder“, fasst der Ökonom zusammen. Dies hat gravierende Konsequenzen, nicht nur für die ForstwirtInnen.

«Werden die Bäume geschwächt, erfüllen sie auch ihre Schutzfunktion gegen Lawinen und Muren nicht mehr.»

Ganze Hänge können also ins Rutschen geraten und große Schäden an der Infrastruktur anrichten, schildert Bachner die unter Umständen katastrophalen Folgen für Mensch und Umwelt. „Das Problem wird noch weiter verschärft, da wir mit einer Zunahme an extremen Wetterereignissen wie lokalem Starkregen rechnen müssen.“ Abhilfe schaffen würden resistentere Bäume sowie Mischwälder und mehr Waldpflege, damit sich der Schädling nicht so gut ausbreiten kann. In den Augen des Wissenschafters sollte der Staat hier investieren: „Das würde sich auf jeden Fall rentieren, denn die Kosten für Aufräumarbeiten und Wiederaufbau nach einem Unglück sind wesentlich höher, hat unsere Studie gezeigt.“

Geld, um sich gegen die Folgen des Klimawandels zu wappnen, nehmen auch Firmen nur sehr zögerlich in die Hand. Immerhin werden Umwelt-Gefahren zumindest als eines von vielen Unternehmensrisiken betrachtet. „Dabei wird allerdings ein Preisanstieg von CO2-Zertifikaten viel eher berücksichtigt als der totale Produktionsausfall einer Niederlassung in Südostasien wegen einer Flutkatastrophe“, weiß Nina Knittel. Gerade bei Standorten im Ausland oder einer weit verzweigten Zulieferkette ist es nicht ganz einfach, Bedrohungen richtig einzuschätzen. Kalkuliert wird außerdem auf maximal zehn Jahre, ein längerfristiger Blick fehlt meistens. „Es gibt verschiedene Tools und auch eine eigene Versicherung, die Klimarisiken recht zuverlässig bewerten“, erklärt Knittel.
Was in Österreich ein immer größeres Thema wird, ist die Hitze im Sommer.

«Es ist erwiesen, dass dadurch die Produktivität sinkt, da die Konzentration nachlässt. Außerdem werden die MitarbeiterInnen anfälliger für Krankheiten»

fasst die Forscherin zusammen. Kühlungen sind nur dann empfehlenswert, wenn sie mit erneuerbarer Energie betrieben werden. Flexiblere Arbeitszeiten, also ein Ausweichen in die Morgen- und Abendstunden, sollten jedenfalls – wo es möglich ist – in Erwägung gezogen werden. „In den südlichen Ländern passiert das bereits und ist Teil des dortigen Lebensstils“, unterstreicht Knittel. Bei uns ist noch viel Umdenken nötig, das hoffentlich stattfindet, bevor die Klimakatastrophe mit aller Wucht zuschlägt.