Wird alles wieder gut?

Wir plagen uns seit mehr als einem Jahr mit der Pandemie. Manche mehr, einige weniger, andere sehr. Und trotz allem: Wir klammern uns an jede noch so kleine positive Nachricht, glauben fest dran, dass alles gut wird. Was treibt uns an? Überlebensinstinkt? Zweckoptimismus? Reinhold Esterbauer, Theologe und Philosoph an der Universität Graz, begründet, warum wir immer wieder aufstehen, die Krone richten und weitergehen. Ein Gespräch mit viel Zuversicht.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ist sie unser Überlebenselixier?

Hoffnung ist vielleicht kein Überlebenselixier, aber ein menschliches Wesensmerkmal. Es steckt in uns, dass wir uns nach einem realen positiven Inhalt in der Zukunft sehnen. Ein solcher ist eng verknüpft mit der Idee des Neuen, des noch nie Dagewesenen. Wir hoffen, dass die Situation besser wird, als sie war. Das spiegelt sich auch in der viel zitierten Aussage von einer „neuen Normalität“ wider. Denn die alte Normalität ist passé. Sie war ein Zustand mit vielen, langfristig gesehen ruinösen Problemen, welche die Pandemie besonders deutlich gemacht hat.

Doch geht es jetzt nicht vielmehr darum, Altes, Gewohntes wiederzuerlangen? Wir wünschen uns, zu reisen, Feste zu feiern, ins Theater zu gehen.

Ja, das sind Mindeststandards, die wir wieder erfüllt haben wollen. Wir möchten nicht, dass es uns schlechter geht als vorher. Darüber hinaus suchen wir aber nach Lösungen für ökologische, soziale und wirtschaftliche Probleme, die schon früher bestanden, sich nun aber zugespitzt haben.

Steckt also tatsächlich in der Krise die berühmte Chance?

Ja, aber nur dann, wenn wir zusätzliche Kräfte mobilisieren und nicht einem Fatalismus nachgeben. Der Mensch möchte gut leben. Das ist ein anthropologisches Grundprinzip. Zwar wissen wir, dass wir zum Glücklichsein einiges tun können, Erhofftes bleibt aber auch oft unverfügbar. Wir können nur versuchen, dem Glück eine Chance zu geben. Letztlich muss es uns geschenkt werden.

Wie kann das gelingen?

Wir haben Glückserfahrungen, auf die wir aufbauen können. Die einen glauben, dass Menschen ihr Glück selbst herstellen können, andere halten das für ein utopisches Ideal. In Abgrenzung zu Ernst Blochs Idee vom Prinzip Hoffnung betont der Philosoph Hans Jonas das Prinzip Verantwortung. Er meint damit, dass wir in der Gegenwart nach bestem Wissen tun sollen, was zu tun ist, obwohl alles Handeln fehlerhaft bleibt. Dieser Aspekt wird gerade in Corona-Zeiten viel strapaziert, etwa wenn appelliert wird: Agiert verantwortungsvoll! Dabei vergessen wir oft, uns und anderen zuzugestehen, dass wir Fehler machen und sie erst später bemerken.

Wie zuversichtlich sind Sie selbst? Was hoffen Sie?

Meine Grundüberzeugung ist eine optimistische. Ich hoffe, dass es aus der Krise heraus zu einer Innovation des Zusammenlebens kommt und wir die Chance nützen werden, aus der Pandemie zu lernen. Ich bin zuversichtlich, dass wir insgesamt bewusster leben werden, individuell und kollektiv – ohne oder mit Virus.

Reinhold Esterbauer, Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz, beschäftigt sich unter anderem mit Möglichkeiten, wie der Mensch den Herausforderungen der modernen Gesellschaft begegnen kann.

Interview: Andreas Schweiger

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