UNIZEIT
3/2021
4/10

Nichts wie weg

Schon wieder kein Sommer wie damals, aber die Batterien leerer denn je. Wie wir da noch Kraft tanken können und was uns generell krisenfest macht, weiß die Gesundheitspsychologin Claudia Traunmüller.


Die Urlaubsplanung ist voll mit Fragezeichen: Wie lange werden die aktuellen Covid-Bestimmungen gelten? Soll ich es riskieren, ins Ausland zu fahren? Bringt „Beine hoch“ auf Balkonien überhaupt Erholung?
Claudia Traunmüller vom Institut für Psychologie antwortet: „Ein Ortswechsel tut immer gut. Mit kleinem Gepäck verreisen, die Haustüre zusperren, Pflichten, Routinen, die Mühen des Alltags zurücklassen – all das ist wichtig zur Entspannung.“ Eine solche Auszeit brauche der Geist, um wieder neue Inputs zu bekommen. „Natürlich liefern fremdes Flair oder Meeresrauschen für viele einen zusätzlichen Genuss. Aber schon eine andere Landschaft in der Nähe kann viel Erholung bieten“, ergänzt die Wissenschafterin. Wer das Gefühl hat, dringend weit weg zu müssen, halst sich vermutlich ständig zu viel auf: „Das ist ein Zeichen, dass mir das Leben zu viel geworden ist. Dann sollte ich unbedingt auch schauen, wie ich mir im Alltag Freiräume schaffen und den Stress reduzieren kann.“

Akkus aufladen
Traunmüller ist überzeugt, dass die ÖsterreicherInnen generell zu wenig auf sich selbst achten – und weder die Politik noch das Gesundheitssystem das resolut einfordern. Etwa ein Viertel ist nur eingeschränkt körperlich leistungsfähig und verfügt damit über keinerlei Stresspuffer. „Auch die vielen anderen Erkrankungen infolge von Inaktivität sind hinlänglich bekannt. Die Menschen müssen dabei unterstützt werden, ihren Lebensstil zu ändern“, fordert die Expertin. Fitness, eine ausgewogene Ernährung und der Regeneration ausreichend Stellenwert einzuräumen – auf diesen drei Säulen könne man Krisen gut stemmen. „Der medial ausgegebene Freibrief zum Herumsitzen, Chips Naschen und Cola Trinken ist gefährlich“, warnt Traunmüller. Denn der Zusammenhang zwischen Essen und psychischem Zustand sei vielfach belegt.
Statt in Lethargie zu verfallen, solle man alle Möglichkeiten nutzen, die der Moment bietet. „Ich persönlich habe mich beispielsweise gefreut, mehr Zeit zum Kochen zu haben. In der Früh könnte man einen Spaziergang machen, wenn der Weg in die Arbeit wegfällt, oder man genießt andere Kleinigkeiten, die sich sonst im Alltag kaum ergeben“, zählt die Psychologin auf. Wer prinzipiell gesund lebt, bleibt kreativ genug, um neue Tankstellen zu finden, wenn Konzerte abgesagt, Fitnessstudios geschlossen oder die Gasthaus-Runde mit FreundInnen verwehrt sind. Allerdings unter Druck das Verhalten zu ändern, gelingt den wenigsten. „Wer schon mit halb leerer Batterie an den Start geht, hat wesentlich geringere Chancen, die Durststrecke gut zu überwinden“, weiß die Forscherin – auch aus der Auswertung ihrer  
Studie zu den Belastungen durch die Pandemie. Man müsse sich ausreichend Zeit nehmen, um darüber nachzudenken, wie man die Phase auch für sich nützen könnte, welche positiven Seiten sie mit sich bringt. „Das fehlt komplett, dazu gibt es auch keine Anregungen“, kritisiert sie. 

Denken umpolen
Wie man mit Belastungen umgeht und wie sehr diese an den Kräften zehren, ist auch persönlichkeitsabhängig. „Man kann aber trainieren, Krisen als Herausforderung anzusehen und ihnen sportlich zu begegnen: die Vorteile zu suchen, statt mit der Situation zu hadern“, weiß die Expertin. Wer keinen Sinn erkennt und rein emotional reagiert, steht unter wesentlich größerem Druck. Der zweite Lockdown hat vielen besonders zugesetzt. Die Uneinigkeit in der Politik habe viel Platz für Spekulationen aufgemacht und QuerdenkerInnen weiten Raum gegeben. „Das spaltet letztlich die Gesellschaft“, so Traunmüller. Außerdem haben kurzfristige Entscheidungen für viel Unmut gesorgt: „Ich erfahre am Freitag, dass am Montag die Schule zu ist. Das geht einfach nicht. So kann man sich auf psychischer Ebene unmöglich entspannen.“
Die schrittweise Rückkehr in die angebliche Normalität ist für viele eine enorme Erleichterung – besonders für junge Menschen und jene Berufsgruppen, die von den Maßnahmen am härtesten getroffen waren. Allerdings bringt sie auch neue Herausforderungen mit sich, weiß die Forscherin: „Wirkliche Freiheit gibt es derzeit nur für Geimpfte, daraus könnte eine fragliche Dynamik entstehen. Außerdem herrscht weiterhin große Unsicherheit über gerade geltende Regeln, und die Resozialisierung läuft sicher nicht für alle problemlos ab.“ Manche SchülerInnen versetzt beispielsweise der ungewohnt volle Klassenraum in Stress. Auch Erwachsene finden mitunter aus der Einsamkeit des Homeoffice schwer zurück ins geschäftige Treiben in Öffis oder am Arbeitsplatz. Empirische Daten, wie sich die Bevölkerung auf die neue Situation einstellt, fehlen derzeit noch. „Es wird aber spannend zu beobachten sein, wie sich die Lage entwickelt“, meint die Psychologin.

von Dagmar Eklaude

 Wird alles wieder gut?

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