UNIZEIT
3/2021
5/10
© Uni Graz/Tzivanopoulos

Die Oberstufen haben den größeren Teil des Schuljahres zu Hause verbracht. Wie zahlreiche Studien belegen, leiden sie ganz besonders unter den Folgen der Pandemie. Was sie dennoch gelernt haben und was sie jetzt brauchen, weiß die pädagogische Psychologin Manuela Paechter.


Alleine vor dem Bildschirm statt mit den anderen in der Klasse, Chats auf WhatsApp statt Tratscherl im Schulhof, fehlende Motivation, wachsende Frustration, Ängste und Depressionen. So hat sich für viele Jugendliche die Pandemie angefühlt – Verständnis seitens der Erwachsenen und vor allem der EntscheidungsträgerInnen gab es keines. „Alle brauchen für die seelische Gesundheit die Gewissheit, ein wichtiges und anerkanntes Mitglied einer Gemeinschaft zu sein. Für andere wertvoll zu sein, schafft gute Gefühle, die sogar das körperliche Immunsystem stärken“, erklärt Manuela Paechter vom Institut für Psychologie der Universität Graz. Wenig verwunderlich also, dass der Wegfall des sozialen Netzes das Wohlbefinden gravierend beeinträchtigt, wenn nicht sogar psychische Störungen hervorruft. „Direkte Kontakte mit anderen Menschen sind unabdingbar für die körperliche Entwicklung und die Hirnreifung. Für Berufswahl, Partnerschaft, sexuelle Orientierung und generell das Zurechtfinden in der Gesellschaft brauchen wir Vorbilder, die wir beobachten und deren Verhalten wir reflektieren können“, ergänzt die Forscherin. Gerade für Teens und Twens sind dabei Gleichaltrige besonders wichtig.
Bis zu einem gewissen Grad bereichern die verschiedenen digitalen Plattformen, auf denen die junge Generation häufig verkehrt, die Isolation: Sie ermöglichen den Austausch mit anderen und bieten Gelegenheit zur Selbstdarstellung. „Auf diese Weise können sich die Jugendlichen ausprobieren, Werte und Vorbilder finden. Was aber weiterhin fehlt, sind der wichtige Körperkontakt sowie das gemeinsame Handeln und Erleben“, ergänzt Paechter. Die intensive Mediennutzung sieht sie allerdings durchaus kritisch, unter anderem, weil sie den Schlaf beeinträchtigt und von den eigentlichen Aufgaben ablenkt. Dieser Verlockung haben sich vor allem die schwächeren SchülerInnen auch in zunehmendem Maß hingegeben, während sich die durchschnittliche Lernzeit im Homeschooling halbiert hat. Ohne das persönliche Zusammensein mit KollegInnen und LehrerInnen ist nämlich selbst den Motivierten der Antrieb abhandengekommen, die Arbeitsaufträge zu erledigen. „Die Schere zwischen denen, die gut mitkommen, und solchen, die den Anschluss verloren haben, ist im Laufe der Monate immer weiter aufgegangen“, berichtet die Psychologin aus einer Studie. Was den Teenagern neben den Sozialkontakten fehlt, ist die Struktur des Schultages. Ausschlafen kommt weit vor Aufstehen. 

Impulse
„Es gibt durchaus Kinder, die von der Pandemie profitiert haben. Sie haben gelernt, sich zu organisieren und selbstständig Inhalte anzueignen“, sieht Paechter auch positive Aspekte. Die entsprechende technische Ausstattung und Unterstützung durch die Familie sind dafür allerdings Voraussetzung. Was nicht bedeutet, dass die Eltern mit den Sprösslingen den Stoff durchnehmen sollen. „Anteil nehmen an der Schule, zur Selbstständigkeit anleiten und Aktivitäten, die Interesse und Lernen fördern, helfen sehr viel weiter“, präzisiert die Forscherin. Man kann den Nachwuchs zum Beispiel auf der Reise in den Urlaub oder bei Ausflügen Routen erstellen, Fahrzeit und Strecke berechnen lassen oder die Freude am Lesen und Schreiben fördern.
Für die, die nicht ausreichend Rückhalt zu Hause bekommen können, ist die vergangenes Jahr vom Bildungsministerium ins Leben gerufene Sommerschule eine gute und sinnvolle Gelegenheit, grundlegende Fertigkeiten auszubauen. „Man darf sich nur nicht erwarten, dass die während der Corona-Zeit entstandenen Defizite ganz ausgeglichen werden können“, so Paechter. Man könne aber mit spannenden Projekten die Jugendlichen bei dem packen, was sie interessiert – etwa Sportbegeisterte mit dem Thema Fußball. „Ein Abseits richtig und verständlich zu erklären, ist eine große sprachliche und kognitive Leistung“, unterstreicht die Psychologin. In den USA, wo in manchen Bundesstaaten die Ferien bis zu zwölf Wochen lang sind, seien solche Angebote echte Gamechanger, berichtet sie. Damit würden auch jene unterstützt werden, deren Eltern das Geld für anspruchsvolle Ferienbetreuung fehlt. Ob die Sommerschulen in Österreich zur fixen Einrichtung werden sollen, ist für die Wissenschafterin also eine klare Sache: „Ja, bitte! Und zusätzlich Unterstützungsstrukturen schaffen, um die betroffenen SchülerInnen weiterhin zu fördern.“ 

Manuela Paechter ist Professorin für Pädagogische Psychologie und beschäftigt sich unter anderem mit Motivation, dem Erwerb von Kompetenzen und dem Lernen mit digitalen Medien. In mehreren Forschungsprojekten hat sie die Vor- und Nachteile von Fernlehre untersucht. 

von Dagmar Eklaude

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