UNIZEIT
3/2021
6/10
© Uni Graz/Tzivanopoulos

Frischer Wind

Kann die Natur jetzt auch durchatmen, oder wären noch mehr Lockdowns nötig? Wie sich die Pandemie auf das Klima ausgewirkt hat und welche Maßnahmen wir dringend setzen müssten, erklärt Ökonom Karl Steininger.


„Die Covid-Pandemie war vielleicht ein kurzzeitiges Auf-, aber kein Durchatmen für unser Klima“, betont Karl Steininger, Ökonom am Wegener Center der Universität Graz. Während des Lockdowns Anfang 2020 sanken die globalen Emissionen zwar um 6,5 Prozent, doch bereits im November und Dezember lagen die Werte über denen des Jahres 2019. Es kam also nur zu einer geringen Verschiebung, die de facto die rasante Klimaveränderung nicht bremsen konnte. „Wenn man sich aber etwas Positives aus der Pandemie mitnehmen möchte, dann ist es ein Umdenken. Ich glaube, es wurde doch ein Bewusstsein für die menschliche Verletzbarkeit geschaffen, aber auch für die Auswirkungen unseres Handelns, die ohne Krise nie so präsent geworden wären“, sagt der Wissenschaftler.

Maßnahmen statt Ziele
Österreich will sie 2040 erreichen, Deutschland hat sich als Limit das Jahr 2045 gesetzt. Die Rede ist von der Klimaneutralität, ein Begriff, der vor allem in der Wirtschaft an Relevanz gewinnt. Ob das gelingen kann, ist für Steininger jedoch noch mehr als offen: „Die Pläne zu verkünden, ist nur der erste Schritt. Der Weg zum Erfolg ist aber noch nicht eingeschlagen. Es fehlen schlichtweg die Umsetzungsmaßnahmen.“ Die ökologischen Ambitionen sind nicht neu: Österreich unterzeichnete 1988 das sogenannte Toronto-Abkommen, in welchem der Staat zusagte, den CO2-Ausstoß um 25 Prozent zu senken. Neun Jahre später wurde im Kyoto-Abkommen dieses Ziel halbiert, auf eine Reduktion um 13 Prozent gegenüber 1990. Erfüllt wurden beide nicht – im Gegenteil: Österreichs Emissionen lagen 2019 sogar höher als 1990.
Demnach sei es wichtig, endlich klare Maßnahmen zu implementieren. Dazu zählt der Forscher ein zeitgerechtes europaweites Zulassungsverbot von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren, dafür jedoch eine effizientere Gestaltung der öffentlichen Verkehrsmittel. Öl und Gas sollen durch erneuerbare Energieträger ersetzt werden, im Neubau müsse sich der Passivhausstandard durchsetzen. „Das sind einzelne zentrale Beispiele, wir brauchen unbedingt ein breites Gesamtpaket“, so Steininger. Andere Länder verfolgen ihre Ziele konsequenter. In Schweden muss beispielsweise jede neue Regierung ihren Klimaplan vor Antritt darlegen und jährlich die Wirksamkeit überprüfen. „Dieser Mechanismus fehlt leider in Österreich“, kritisiert der Ökonom.

Bewusst handeln
Bahn statt Flieger, regionale und saisonale Lebensmittel sowie konsequente Mülltrennung tun der Umwelt und somit auch uns gut. Wenn in der Sommerzeit aber ferne Länder rufen? Kann man überhaupt noch Urlaub ohne schlechtes Gewissen machen? „Auf jeden Fall! Die Frage ist natürlich immer, wie ich diesen gestalte“, betont Steininger. Reisen sei essenziell für den Austausch von Kulturen: „Ich selbst bin gerne unterwegs und versuche, nur mit dem Zug und dem Fahrrad voranzukommen.“ Außerdem sei die Auswahl der Unterkunft wichtig: Kleinen Pensionen sollte gegenüber Hotel-Ressorts der Vorzug gegeben werden. Nicht nur im Sinne der Klimabilanz, sondern auch der Nachhaltigkeit punkto Menschlichkeit. „Was hat man von zwei Wochen Club-Aufenthalt, in denen man das Land und die spannenden Traditionen nicht einmal kennenlernt?“, fragt der Klimaforscher.
Er warnt außerdem vor dem Versuch, den eigenen Fußabdruck durch anderweitigen Verzicht klein zu halten: „Ich kann nicht ein Jahr lang auf Fleisch verzichten und dafür dreimal in den Urlaub fliegen – diese Rechnung geht nicht auf.“ Mit einem einfachen Flug von Wien nach Berlin stößt eine Person bereits rund 130 Kilogramm CO2 aus. Für dieselben Emissionen könnte man etwa 65 Steaks verzehren. „Diese Dimensionen muss man im Auge behalten“, mahnt der Wissenschaftler. Und: „Um den Klimawandel zu stoppen, brauchen wir einen positiven Menschenwandel!“ Die Nutzung von umweltschonenden Alternativen an allen Stellen sei der Schlüssel zum Erfolg. „Wir müssen uns auch für die Änderungen der Rahmenbedingungen einsetzen, dass solche Alternativen breit verfügbar werden“, ergänzt er. Dazu zählen – im Hinblick auf die Ferienzeit – etwa erschwingliche Zugtickets. Ein solches wird sich Steininger jedenfalls kaufen, um mit seiner Familie Nordeuropa zu erkunden, sofern es die Pandemie zulässt. „Ich freue mich schon sehr auf mein persönliches Durchatmen.“ 

 Karl Steininger ist Professor für Klimaökonomie und Nachhaltige Transition an der Universität Graz. Er beschäftigt sich unter anderem mit den volkswirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels sowie den Möglichkeiten seiner Minderung.

von Melanie Köppel

 Inhaltsverzeichnis