UNIZEIT
3/2021
7/10

Einmal um die ganze Welt

Die Wüste trennt nur eine Treppe vom Regenwald. Die Pyrenäen treffen auf Meerregionen Südaustraliens, vier Jahreszeiten auf ganzjährige Trockengebiete. Fünf Kontinente, unterschiedliche Klimazonen und etwa 6500 verschiedene Pflanzenarten an einem einzigen Ort: eine schnelle Rundreise durch den Botanischen Garten der Universität Graz. 

Pflanzen, Tiere, Pilze und Mikroorganismen im grünen Herzen der Universität sind anschauliche Praxis-Beispiele für Studierende und lebende Forschungsobjekte. Der historische Park und die Gewächshäuser in der Schubertstraße stehen aber auch der Öffentlichkeit zur Verfügung. In urlaubsfernen Zeiten können sie unser Fernweh lindern und lassen uns durchatmen.

Vom Strand ins Gebirge
Niedrige Halbsträucher und Polsterstauden, höhere sommergrüne Gehölze sowie Gebirgspflanzen aus den Apenninen, den Pyrenäen und dem Balkan versprühen gleich zu Beginn der Reise Mittelmeer-Feeling. Es duftet nach Currykraut, die violette Farbe der Illyrischen Siegwurz leuchtet in der Steingartenanlage nahe dem Eingang. Wir folgen einem kleinen Pfad durchs Arboretum. Linden und Birken, aber auch viele „importierte“ Bäume und Sträucher aus Asien und Nordamerika spenden Schatten, wo zu Frühlingsbeginn der Unterwuchs aus Schneeglöckchen, Frühlingsknotenblumen oder Blausternen die kurze, uneingeschränkte Sonneneinstrahlung nutzte.
Der Weg führt in hohe Lagen: Zwergwüchsige, dichtbehaarte, großblütige Pflanzen prägen das Bild. Die Vegetation verträgt niedrige Temperaturen, kräftige Sonneneinstrahlung, Wechselfeuchte und starken Wind. 700 Arten aus dem Kaukasus, dem Ural, den Rocky Mountains, der Kalifornischen Sierra Nevada und den Alpen sowie der aus China stammende Urweltmammutbaum laden zum Verweilen ein.


Next Stop: Naturapotheke
Quer durch das Arboretum, vorbei an Ahornbäumen und Buchen, überqueren wir die Straße, um nach einem kurzen Anstieg vor über mehrere Jahrtausende gesammeltem Wissen über Heilpflanzen Halt zu machen. Der Weg zwischen den Beeten bahnt sich durch typische Gewürze wie Fenchel und Koriander, durch Spargel, Bärlauch oder rot blühenden Chinesischen Rhabarber.
Retourgang einlegen, in der Vorbeifahrt wird ein kurzer Blick auf Bauerngarten, Buchenwald und den Grazer Moosgarten geworfen. Wir halten im Farn- und Rhododendron-Quartier für eine kleine Abkühlung am angelegten Bach, bei welchem sich schattenliebende Großstauden tummeln. Weiter entlang des Weges blühen über 40 Rhododendron-Arten aus aller Welt, darunter die auch bei uns heimische rostblättrige Alpenrose.


Zur Abkühlung ins Glashaus
Ortswechsel in den Innenbereich, in die Winterregengebiete an den Westseiten der Kontinente: Im Kalthaus finden wir uns im gerade noch frostfreien Übergangsbereich zwischen subtropischem und gemäßigtem Klima wieder. Die Pflanzen haben den Umgang mit Wassermangel und Feuer im Sommer gelernt. Pinien, Olivenbäume, Kork-Eichen, Dattelpalme sowie die Blaue Passionsblume kreuzen unseren Weg.
Subtropisches Flair kommt beim Öffnen der Glastür ins 16 Meter hohe Temperierthaus auf: Eukalyptus-Bäume, der Matetee-Strauch, der Ceylon-Zimtbaum, der Mangobaum und einige Bambusarten versetzen uns schlagartig in Urlaubsstimmung. Die Vegetation aus Teilen Australiens, Südamerikas sowie Süd-Chinas und Nord-Thailands hat sich an hohe Temperaturen und Feuchtigkeit in der sommerlichen Regenzeit und winterliche Trockenperioden angepasst.


Zum Abschluss in die Tropen 
Vor dem Ende unserer Reise ist ein Abstecher zum nördlichen und südlichen Wendekreis, in die Trockengebiete der Erde, unerlässlich. Ein Mittelweg im Sukkulentenhaus trennt zwei karge Landschaften, zwei Welten voneinander. Rechts gedeihen die eigentlichen Kakteen, hier vor allem mittelamerikanische Vertreter der Sukkulenten mit farbigen, teilweise prächtigen Blüten und Dornen, die in größeren Büscheln stehen. Auf der linken Seite befinden sich Sukkulenten Afrikas, von denen viele den Wolfsmilchgewächsen angehören. Das Vorhandensein von Milchsaft, oft kleine, unscheinbare Blüten und paarig angeordnete Dornen unterscheiden sie von den echten Kakteen.
Trockenheit wird von Feuchtigkeit abgelöst: Hinter der Glaswand macht sich der Dschungel breit. Von allen Seiten werden wir sogleich in Regenwald-Atmosphäre eingehüllt, die Scheiben sind beschlagen. Lianen sowie Würgerpflanzen ranken auf großen Bäumen. Die Farbpalette spielt alle erdenklichen Grüntöne, dazwischen finden sich bunte Kleckse wie die rot blühende Ananas. Neben der Vielzahl an exotischen Gewächsen – Palmen, Bananenstauden, Kakao-Bäume und Vanille – sticht eine der größten Wasserpflanzen ins Auge: Die Santa-Cruz-Riesenseerose ziert das Becken am Ende des Tropenhauses den ganzen Sommer über. Ein letzter Ausblick von der Hängebrücke auf die außergewöhnliche Pflanzenwelt darunter, bevor wir uns wieder zurück in den Alltag begeben.


Exklusiver Abstecher 
Eine den BesucherInnen verborgene Welt offenbart sich in der sogenannten „Kiste“, einem kleinen Gebäude hinter dem historischen Glashaus. Es bietet besondere Mikroklimabedingungen und wird für die Anzucht spezieller Freilandpflanzen genutzt. Überall stehen Petrischalen, kleine Blumentöpfe und Pflanzen aus allen Ecken und Fugen. Als weiteres Lieblingsplatzerl entpuppt sich der Reservegarten. Seine Beete stehen ebenso für die Anzucht von Freilandpflanzen und von winterharten Kakteen zur Verfügung.


Reiseleitung: Christina Koppelhuber & Ulrike Grube

 Wasser, Wein und Wirtschaft

 Fernost am Teller

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