Zehent für Natur und Wohlergehen
„Gegenwärtig findet konsequentes minimales menschliches Einwirken bestenfalls auf 1,2 Prozent unserer Staatsfläche statt, obwohl insgesamt 2,3 Prozent als strenge Schutzzonen, also Nationalparks, Biosphärenparks und Wildnisgebiete oder Naturwaldreservate, ausgewiesen sind“, rechnet Sturmbauer vor. Gemäß der Österreichischen Biodiversitätsstrategie 2030+ sollten es bis zum Ende des Jahrzehnts tatsächlich zwei Prozent sein, wo natürliche Prozesse ungestört ablaufen dürfen. „Wir Fachleute wollen langfristig zehn Prozent“, fordert der Wissenschaftler. „Unser neuer Zehent für die Natur und unser eigenes Wohlergehen in einem stabilen Fließgleichgewicht.“ Und das sei machbar. Denn neben den Kernzonen der Nationalparks gebe es eine Reihe extensiv landwirtschaftlich genutzter Flächen in Natura 2000-Gebieten, Biosphärenparks und Landschaftsschutzgebieten. Dazu zählen Almen, Streuobstwiesen, Trockenrasen, Sumpfwiesen sowie Restmoore, die eine sehr hohe Biodiversität aufweisen. „Diese Bereiche helfen, das Zehn-Prozent-Ziel zu erreichen“, ist Sturmbauer überzeugt. Auch wenn klar sei, dass dies allein für eine Trendumkehr beim Artenschwund nicht ausreiche. Er fordert daher Maßnahmen für Renaturierung und De-Intensivierung: „Wir müssen vor allem in stark genutzten Zonen Naturinseln zurückholen, damit sich die Biodiversität ganzheitlich erholt. Mehr Wildbestäuber und Nutzinsekten nützen wiederum selbst der Landwirtschaft. 

Kräftiger Ruck
„Ein guter Weg braucht sowohl viele kleine Bausteine, die wir selbst in unserem Umfeld ändern können, als auch eine fundierte ganzheitliche Strategie. Eine Weichenstellung, die nur von unseren Regierenden kommen kann“, appelliert Sturmbauer an die politischen Entscheidungsträger:innen. Er erinnert an Aktivitäten wie das erste Pestizid-Verbot in den 1970er-Jahren, das die heimischen Greifvögel vor dem Aussterben gerettet hat. Ebenso hatte positive Auswirkungen auf Mensch und Umwelt, dass seit 30 Jahren Blei im Benzin untersagt ist. „Wir müssen uns einen kräftigen Ruck geben und maßvoll agieren, was Nutzungsintensität und Verbrauch von Naturland betrifft. Es erfordert außerdem die Begleitung durch die Politik.“ Das schließt den Schutz der Gewässer mit ein. 90 Prozent der heimischen Flüsse sind schon verbaut, nur mehr drei Prozent haben quasi den Zustand eines Nationalparks. Der Biologe lehnt daher neue Staudämme in den letzten verbliebenen freien Fließstrecken ab, er plädiert vielmehr für eine Sanierung oder maßvolle Erweiterung bestehender Kraftwerke: „Das muss sowieso dringend gemacht werden und würde bereits ohne Erweiterung einen Energiegewinn von 15 Prozent bringen.“ 

von Andreas Schweiger

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