Waren wir bei Toleranz, Geschlechtergerechtigkeit und Diversität nicht schon weiter?
Gesellschaftspolitisch und in puncto Diversität sowie Geschlechtergerechtigkeit ist in den letzten 50 Jahren sehr viel Positives passiert. Viele Forderungen der Zweiten Frauenbewegung sind heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ich denke dabei an die Zuerkennung gleicher Rechte, unabhängig von Geschlecht oder sexueller Identität. Oder an ein weitgehendes Bewusstsein für Fragen von Vereinbarkeit oder dahingehend, dass inklusive Sprache gesellschaftliches Bewusstsein für Gleichstellung schafft. Aber es bleibt noch viel zu tun, keine Frage.
Also kein Vorwärts in die Vergangenheit?
Was die aktuelle Entwicklung betrifft, müssen wir differenzieren. Die teils erbittert geführten Debatten spiegeln ja nicht die Einstellung des Gros der Gesellschaft wider, sondern werden vor allem in konservativen und rechten Kreisen lanciert. In der Tat werden momentan bestimmte soziale Gruppen, die bislang wenig beachtet wurden, dank Social Media immer stärker sichtbar. Das gilt auch im Fall der medial breit diskutierten Kinderbuchlesungen einer Dragqueen: Als bedrohlich wird angesehen, dass sie im öffentlichen Raum präsent sind und damit ihr Recht auf Antidiskriminierung und selbstverständliche gesellschaftliche Teilhabe einfordern.
Vielfach ist davon die Rede, dass es schon gar nicht mehr erlaubt sei, Kritik zu üben, und sofort politisch korrektes Sprechen eingefordert werde. Ist diese Cancel Culture tatsächlich allgegenwärtig und steht Wokeness für eine Einschränkung liberaler Meinungsfreiheit?
Cancel Culture ist seit 2018 in den Medien als Begriff präsent und suggeriert, dass Kritiker:innen von Rassismus, Antigenderismus oder Antisemitismus durch politische Überkorrektheit Sprech- und Denkverbote fordern und auch erreichen würden. Das Schlagwort „Wokeness“ wurde im Kontext der Black-Lives-Matter-Bewegung rund um 2014 geprägt. „Stay woke“ fordert Sensibilität und Wachsamkeit gegenüber Rassismus, Sexismus und struktureller Gewalt gegenüber Minderheit. In aktuellen rechtspopulistischen Diskursen wird der Begriff aber ins Negative gewendet. Ich nehme das als Opfer-Täter:innen-Umkehr wahr: Zu Recht geäußerte Kritik an Ausgrenzung und Diskriminierung einzelner Personen wird damit ins Gegenteil gekehrt. Tatsächlich sind Sexismus und sexualisierte Gewalt nach wie vor enorme gesellschaftliche Probleme, und besonders Transpersonen sind von geschlechtsbasierter Gewalt stark betroffen.
Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung intensiv mit nationalistischen, völkischen Gruppierungen in der Habsburger-Monarchie. Können wir aus Vergangenem fürs Heute etwas ableiten?
Historisches Forschen gibt keine Handlungsanleitungen für das Jetzt oder die Zukunft, sondern hilft, Kategorien und Begriffe in gegenwärtigen politischen Diskussionen einzuordnen. So erkennen wir Ende des 19. Jahrhunderts, dass – ähnlich wie in Debatten heute – stark mit dem Bild „wir und die anderen“ gearbeitet wurde. Der entscheidende Punkt ist, wie kohärent und abgeschlossen Wir-Gruppen definiert werden und was davon an politischen Konzepten abgeleitet wird. Definieren sie sich offen und frei zugänglich? Oder werden Zugehörigkeiten als angeboren betrachtet, basierend auf bestimmten unveränderbaren Merkmalen?
Wenn wir uns die Zeit um 1900 anschauen, dann können wir gut nachvollziehen, dass etwa der Sprachnationalismus in einen rassistisch fundierten Nationalismus kippt. In solchen Konzepten von Identität ist keine freie Wählbarkeit mehr gegeben. Ethnisch-nationale Zugehörigkeit wird vielmehr in Kategorien von Feindschaft und Gegnerschaft diskutiert.
Dieser Aspekt spielt derzeit aber keine Rolle?
Heute finden wir in neokonservativen, rechtspopulistischen Bewegungen den Begriff der „Rasse“ kaum mehr, dafür werden angeblich natürliche, kulturelle Unterschiede ins Zentrum gerückt – und diese werden ebenfalls als unveränderbar angesehen.
Also befinden wir uns in einem Kulturkampf?
Wie gesagt, rufen gewisse politische Gruppierungen einen „Kulturkampf“ aus und beklagen allerorts Denkverbote. Wenn so etwas wie „Cancel Culture“ überhaupt existiert, dann meines Erachtens nur in den sozialen Medien, wo bestimmte Inhalte geblockt werden können, sich Menschen mitunter tatsächlich nur in ihrer „Bubble“ bewegen. In der analogen Welt, in unseren Umgangsformen, im breiten politischen Austausch oder auch im Kulturbetrieb sehe ich diese Tendenz nicht.
Das hört sich recht zuversichtlich an – trotz der multiplen Krisen?
Wenn wir der gegenwärtigen Rede von Krisenzeiten etwas Positives abgewinnen wollen, dann bietet die Wahrnehmung einer Zeitenwende die Chance, als demokratische Gesellschaft auszuhandeln, worüber wir wie sprechen können oder wollen. Und um zu klären, wo die Grenzen des Sagbaren im politischen Diskurs liegen, wie wichtig die Anerkennung von Rechten gesellschaftlicher Minderheiten ist. Aber auch wie viel Satire oder Ironie der politische Diskurs verträgt und wann der nötige Respekt gegenüber gesellschaftlich marginalisierten Gruppen überschritten wird.