Der digitale Wandel ist ein ➡ Kernthema der Universitätsstrategie. Was verstehen Sie konkret darunter?
Die viel besagte digitale Transformation läuft eigentlich schon seit Jahrzehnten. Aber ich glaube, wir erleben jetzt mit der KI tatsächlich einen disruptiven Moment. Durch die „Killer-Applikation“ ChatGPT ist sie nämlich massentauglich geworden. Das betrifft alle Gesellschaftsthemen, alle Wirtschaftsthemen.
Was ist in diesem Zusammenhang Aufgabe einer Universität?
Wir haben eine besondere Verantwortung, solche Veränderungsprozesse aus allen Perspektiven zu begleiten. Genau das ist auch die Stärke einer allgemeinen Universität wie unserer. Wir müssen dafür sorgen, dass die Technik gut in der Gesellschaft, in der Wirtschaft, in der Verwaltung ankommt. Dafür gilt es, das Thema aus einer rechtlichen, einer wirtschaftlichen, einer ethischen, einer soziologischen und auch aus einer historischen Sicht aufzuarbeiten. Das tun wir intensiv. In Lehre und Verwaltung verfolgen wir den sinnvollen Einsatz der Digitalisierung natürlich ebenso.
Was sind die gesellschaftspolitischen Fragen, mit denen sich die Universität Graz in Bezug auf KI auseinandersetzt?
Die wichtigste ist, dass wir eine Spaltung der Gesellschaft vermeiden in jene, die sich die neuen Tools leisten und damit gut umgehen können, und in jene, die das nicht können. Da haben wir als Universität eine Riesenverantwortung. Die Anwendung von künstlicher Intelligenz wird mittelfristig zu einer neuen Kulturtechnik werden. Wir müssen schauen, dass wir möglichst viele, gerade technikferne Gruppen, mitnehmen.
Ein weiteres Thema sind Fake News, die durch KI massiv befeuert werden. Es war noch nie so leicht, gefälschten Content – wie Deepfake-Fotos – herzustellen und damit das Internet zu fluten. Unsere Professorin Jana Lasser forscht dazu und wurde auch mit einem ➡ ERC-Grant ausgezeichnet.
Und natürlich befassen wir uns mit der Frage, wie sich KI im Arbeitsalltag auswirkt und bestimmte Berufsprofile verändert. Darauf müssen wir die Studierenden gut vorbereiten. Ich denke da zum Beispiel an die Translationswissenschaften oder an Jurist:innen. Wo Technologie Arbeit sinnvoll abnehmen kann, werden gleichzeitig Soft Skills wie Präsentations- und Verhandlungsfähigkeit immer wichtiger. Darauf legen wir als Allgemeinuniversität in der Ausbildung großen Wert.
Sie leiten das IDea_Lab der Universität Graz. Was ist das Ziel dieser Einrichtung?
Das IDea_Lab ist ein überfakultäres, interdisziplinäres Forschungszentrum, das sich dem Thema der Transformation durch KI und Big Data widmet. Hier werden ethische, rechtliche, technische Fragen und viel mehr beforscht. Wir haben am Zentrum Kompetenzen, die Forschung und Lehre an den Fakultäten optimal ergänzen, beispielsweise Ethik der KI, Data Analysis und in Kürze auch Machine Learning. Das Lab soll gleichzeitig eine Vernetzungsplattform sein. Dieses Konzept ist einzigartig.
Sind wir als regionale Universität in der Forschung international überhaupt konkurrenzfähig?
Wir sind da absolut wettbewerbsfähig, weil wir uns klare Ziele gesteckt haben, die wir sehr konsequent verfolgen. Kreativität, Innovation, Offenheit und ein Stück weit auch Geschwindigkeit sind ausschlaggebend. Da sehe ich uns in einer guten Position. Wir sind zum Beispiel die erste Universität im deutschsprachigen Raum, die mit UniGPT einen eigenen KI-Chatbot eingeführt hat. Das ist auch für die Forschung relevant, da die Daten nur in einer gesicherten europäischen Serverumgebung gespeichert werden und nicht nach außen gehen.
Wo spüren Studierende den Fokus auf Digitalisierung?
Wir haben schon in vielen Studien Digitalisierungsmodule, jetzt kommen verstärkt KI-Themen dazu. Zu Beginn dieses Studienjahres ist die Zusatzqualifikation „Künstliche Intelligenz und Gesellschaft“ gestartet. Daneben gibt es etwa das Mastermodul Digitalisierung oder das Masterstudium Data Science. Das sind ganz zentrale Maßnahmen in der Lehre.
Wir haben mit dem ➡ Flexam die Möglichkeit eingeführt, flexibel digitale Prüfungen zu machen, das wächst massiv. Auch da sind wir im deutschsprachigen Raum führend. Außerdem haben wir maßgeblich die App YOUNI entwickelt, um den Studierenden ein adäquates Kommunikationstool in die Hand zu geben. Die werden wir noch weiter ausbauen und mit neuen Funktionen versehen.
Und die Mitarbeiter:innen?
Knapp die Hälfte unseres Stammpersonals nutzt bereits UniGPT. Jetzt sind wir gerade dabei, Verwaltungsprozesse zu digitalisieren. Mit Dienstreiseanträgen und -abrechnungen ist bereits ein wichtiger Schritt gelungen. Künftig wollen wir KI einsetzen, um Abläufe weiter zu vereinfachen – etwa durch das intelligente Vor-Befüllen von Formularen. Die KI kann sich nämlich ganz wunderbar aus schon vorhandenen Mails und Unterlagen die nötigen Eckdaten herausfiltern. Ein weiteres großes Thema, das wir angehen wollen, sind KI-Tools für Forschungsanträge. Texte zusammenfassen, analysieren und redigieren ist etwas, das die künstliche Intelligenz sehr gut kann. Das wäre eine große Erleichterung für unsere Forscher:innen und für das Forschungsmanagement. UniGPT ist auch dafür ein wichtiges Lernfeld.
Welches Ziel wollen Sie bis Jahresende erreicht haben?
Unser größtes Ziel war der Start des Studienangebots Künstliche Intelligenz und Gesellschaft, der ist gelungen. Wir haben das Curriculum innerhalb weniger Monate aus dem Boden gestampft, das ist schon eine bemerkenswerte Leistung. Nun wollen wir UniGPT noch weiter ausrollen und allen Mitarbeiter:innen Schulungen dazu anbieten. Und wenn wir die KI-Unterstützung für Forschungsanträge auch schaffen, wäre das tatsächlich ein Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Universitäten.