Einfach machen?
3/2025
7/11

Stark im Gegenwind

Nora Tödtling-Musenbichler ist als Direktorin der Caritas Steiermark mit den tristesten Seiten des Lebens konfrontiert – und das in wachsendem Ausmaß. Drastische Förderkürzungen der Landesregierung erschweren nun die Arbeit. Wie sie selbst Mut bewahrt, was sie Anfeindungen entgegenhält und warum die Gesellschaft mehr Stammtische bräuchte, erzählt sie im Interview.

Interview: Dagmar Eklaude

⬅ Inhaltsverzeichnis

Sie müssen derzeit einem besonders rauen Wind trotzen. Wie geht es Ihnen in dieser Situation?

Es sind herausfordernde Zeiten. Die Frage ist, ob wir jetzt resignieren oder gestalten. Wir bleiben als Caritas bei dem Versuch, eine gute Zukunft zu gestalten für Menschen in Not, aber auch für alle anderen. Krisen, Kriege und massive Sparmaßnahmen machen es uns nicht leicht. Zuversichtlich zu bleiben, ist aber das Um und Auf. Wir brauchen neue Erzählungen mit einer Perspektive und mit Handlungsmöglichkeiten und wollen nicht zum Stillstand kommen. 

Ihre Organisation kümmert sich um sozial stark benachteiligte Menschen. Können Sie ihnen Mut machen?

Die Menschen, die in Not zu uns kommen, sind meistens an einem Punkt angelangt, wo sie wirklich nicht mehr weiterwissen. Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist oft schon ein Riesenschritt und mit Scham verbunden. Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, einfach zuzuhören und zu schauen, von wo die Betroffenen die Unterstützung bekommen, die ihnen zusteht, damit sie wieder selbstwirksam leben können. Dieses erste Gespräch und das vermittelte Gefühl, dass sie nicht alles alleine schaffen müssen, gibt meistens schon Zuversicht. 

Wie bleiben Sie selbst positiv, wenn Sie mit Not und Ausgrenzung konfrontiert sind?

Ich habe großen Respekt vor unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die tagtäglich mit Schicksalsschlägen befasst sind. Und ich bin immer fasziniert, dass sie trotzdem fröhlich sind und gerne in die Arbeit gehen. Ihre größte Motivation ist, dass die Aufgabe Sinn macht, dass sie jeden Tag etwas bewirken können, auch wenn es nie genug ist. Wenn dann auf der anderen Seite Fördervolumina gekürzt werden oder in der Öffentlichkeit unsere Hilfe in Frage gestellt wird, tut das einfach weh. Da ist es meine und unsere Aufgabe als Direktorium, unsere Teams zu stützen und zu schützen, damit sie für die Klientinnen und Klienten einstehen können. 

Ihre Einrichtung wird wegen ihres Einsatzes für Geflüchtete immer wieder angegriffen. Wie entgegnen Sie dem?

Wenn auf politischer Ebene, aber auch gesellschaftlich der Fokus gesetzt wird auf „Wir wollen niemanden anderen hier haben, und eigentlich produzieren Organisationen, die Hilfe leisten, diese Probleme“, dann müssen wir darauf hinweisen, was da wirklich passiert. Wie wir durch Deutschkurse, Integrationsmaßnahmen, Buddyprojekte unterstützen. Wir können Erfolgserlebnisse aufzeigen: dass ein geflüchteter junger Mann plötzlich Chefkoch von einem Hotel ist oder eine Mutter aus der Ukraine in einer Pflegeeinrichtung arbeitet, wo sie dringend gebraucht wird. 

Die Landespolitik hat karitative NGOs ziemlich ausgebremst. Spüren Sie auch weniger Rückhalt in der Bevölkerung?

Also der Grundwasserspiegel der Solidarität ist nach wie vor sehr hoch. Nach diesen Förderkürzungen haben wir es geschafft, innerhalb weniger Tage über 2000 Menschen zu motivieren, bei einem Solidaritätszug mitzugehen. Weil das niemanden kalt lässt. Es wird nicht verstanden, dass an manchen Stellen falsch gespart wird. Wir merken auch, dass die Anzahl der freiwilligen Mitarbeiter:innen leicht steigt. Ich glaube, dass die Gesellschaft trotz der Spaltungstendenzen eigentlich zusammenhalten will. 

Werden Sie jetzt häufiger angefeindet als zu Beginn der großen Flüchtlingswelle vor zehn Jahren?

Nachdem die Caritas für alle da ist, können wir es nie allen recht machen. Eine Pflege oder eine Schwangerenberatung wird nie in Frage gestellt. Ein Lerncafé wird großzügig unterstützt. Bei anderen Bereichen tun sich Menschen schon schwerer. Natürlich auch gesteuert durch Medien, durch Öffentlichkeit. Wir wollen nicht die sympathischste NGO sein, aber die empathischste. Das ist mein Ziel. Und ja, wir werden angefeindet, das hängt auch mit der politischen Situation zusammen. Stellt sich die Frage, wo öffentliche Gelder hingehen, stehen karitative Organisationen schnell in der Kritik, weil ihre Lobby nicht so groß ist wie in anderen Bereichen. Aber immerhin haben wir in Graz 2500 Mitarbeiter:innen und ebenso viele Freiwillige, österreichweit sogar 50.000 Ehrenamtliche. Die haben Gewicht. Und wir müssen aufklären, erzählen, um auch manche Falschinformationen zu bereinigen. 

Hat sich Ihrer Beobachtung nach das Klima in der Gesellschaft verändert?

In der Pandemie war von einem Tag auf den anderen das Ziel, sich abzuschotten. Es wurden aber wenig Maßnahmen gesetzt, um die Gemeinschaft wieder zu pflegen. Das hat etwas gemacht mit uns. Auch Social Media als Nachrichtenquelle und neue Formen von Information haben uns verändert. Kommunikation ist anonymer geworden, wir sind viel schneller in Hasspostings und Diffamierungen drinnen. Und wir haben vielfach verlernt, zu diskutieren, zu debattieren. Jugendliche, aber auch viele Erwachsene aller Altersschichten, ziehen sich in ihre Blasen zurück und haben nicht mehr so viel Verständnis füreinander. Die klassischen Stammtische, wo man heftig diskutiert und dann gemeinsam gegessen oder getrunken hat, gibt es nicht mehr. Es braucht aber solche Lernfelder. 

Wie könnte man diese wieder etablieren?

Als Caritas sind wir gerade dabei, solche Begegnungsräume zu schaffen. Wir gehen in die Regionen und laden dort Politik, Gesellschaft, Unternehmen ein, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Wir wollen jetzt auch ein neues Format gemeinsam mit der Diözese ins Leben rufen, wo sich, gut begleitet, mehrmals im Jahr Menschen treffen können, die unterschiedlicher Meinung sind. Damit alle das Gefühl bekommen, sie werden gehört und sind Teil der Gesellschaft. 

Glauben Sie, dass Universitäten etwas dazu beitragen können?

Ich glaube, dass Universitäten einen ganz wesentlichen Beitrag leisten. Sie haben den Auftrag, sich mit Themen aus unterschiedlichsten Perspektiven auseinanderzusetzen. Das erfordert, sich auf unterschiedliche Meinungen einzulassen, zu analysieren und zu erkennen, dass es nicht einen richtigen Weg gibt, sondern mehrere. Diese faktenbasierte wissenschaftliche Auseinandersetzung ist ganz wesentlich für die Öffentlichkeit. Wenn evaluierte Forschungsergebnisse zu vielen relevanten Themen gut präsentiert werden, gibt das auch Sicherheit. Und gerade Studierende lernen an der Universität eine neue Welt kennen. Nämlich genau diese Debatten. Wenn ich das lerne, habe ich ein Handwerkszeug für mein Leben.
Ein großer Auftrag ist auch, den Jungen Einblick in andere Realitäten zu gewähren – beispielsweise in das Wirken der Caritas. Ich habe zweimal eine Lehrveranstaltung an der Theologischen Fakultät halten dürfen, um so die Praxis hineinzubringen. Da merkt man, wie gut das gelingen kann. Umgekehrt müssen die Universitäten ihr Wissen auch denen zugänglich machen, die sich ein Studium nicht leisten oder sich nichts darunter vorstellen können. Die einstige Megaphon-Uni, ➡ UNItogether, oder auch die  Montagsakademie sind solche Initiativen. 

Haben sie einen Wunsch oder eine Erwartung an die Uni Graz?

Ich wünsche mir, dass die Uni ein Ort ist, wo gelernt wird, wie wir miteinander debattieren und diskutieren, wo diese große Weite erhalten bleibt. Wo es nicht nur um spezifisches Fachwissen geht, sondern um das Denken darüber hinaus. Und dass wir Praxis und Theorie eng verwoben halten. Dann können wir gemeinsam etwas bewirken, gemeinsam die Gesellschaft gestalten.