AUSSENSICHT
Die Bude brennt!
Nunu Kaller ist Journalistin, Buchautorin und Umweltaktivistin. In ihrem Gastbeitrag warnt sie davor, auf neue technologische Lösungen zu warten, um die Klimakrise aufzuhalten.

Im Juni hielt ich in Graz im Zuge des Geco-Festivals einen Vortrag. Vor mir war noch ein anderer dran, ein Professor aus Indien, der von Atomkraft als klimaneutrale Energiequelle der Zukunft schwärmte. Meine Braue wanderte immer weiter Richtung Haaransatz, während er sprach. Ich konnte nicht anders, als auf das Thema Endlagerung und Wasserverbrauch hinzuweisen. So trocken wie die letzten beiden Sommer waren, wird es in absehbarer Zeit schlicht und einfach zu wenig Wasser geben, um AKWs im Ernstfall zu kühlen. Und dann haben wir im wahrsten Sinn des Wortes möglicherweise den Super-GAU. Der Professor blieb dennoch überzeugt vom technologischen Fortschritt, der den Planeten retten würde.
Ende Juli brannte dann der halbe Kontinent. In Spanien fraßen Feuer bei Madrid über 111.000 Hektar – der größte je registrierte Waldbrand des Landes. In Frankreich brannte in der Gironde mehr nieder als im gesamten bisherigen Rekordjahr 2022, der Innenminister nannte es die schlimmste Brandkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Über 254.000 Hektar in Europa, eine Fläche etwa so groß wie Vorarlberg, mehr als 300.000 Menschen evakuiert. Erstmals in der Messgeschichte hatten wir 40 Grad in einem österreichischen Juni.
Und trotzdem höre ich in erschreckender Regelmäßigkeit diesen einen Satz - von Politiker:innen, CEOs, einem Ex-Bundeskanzler: „Wir setzen auf Innovation und Technologie.“ Als wären sie irgendwo in einem Silicon-Valley-Labor schon ganz kurz davor, die Maschine zu bauen, die den Klimawandel auf Knopfdruck aufhält – nein, sogar rückgängig macht! Wir müssen halt nur brav noch ein bissl warten und uns entspannen. War eh früher auch schon heiß, gell?
Die Technik wird's nicht richten
Es gibt inzwischen eine Vielzahl an Untersuchungen, die belegen: nein. Die technologische Entwicklung allein wird uns nicht retten. Fangen wir mit dem schwierigsten aller Faktoren an – der Zeit. CO2 kumuliert, seit hunderten von Jahren. Das heißt, dass sich der Ausstoß nicht unmittelbar in Temperaturanstiegen äußert: Die Hitze des vergangenen Sommers stammte nicht aus den heurigen Emissionen, sondern aus jahrzehntelang aufgehäuften Treibhausgasen. Das, was jetzt da ist, geht nicht mehr weg. Eine Wundermaschine, die 2045 marktreif ist, hilft einem Wald, der 2026 brennt und dabei ordentlich Treibhausgase freisetzt, herzlich wenig.
Was außerdem noch schwierig ist und in meinen Augen am meisten gegen eine Rettung durch Technologie spricht, ist der sogenannte Rebound-Effekt. Der ist einfach erklärt: Kühlschränke wurden in den letzten Jahren sparsamer im Energieverbrauch – aber gleichzeitig größer. Autos, die wenig verbrauchen, haben oft den höchsten Kilometerstand, weil „Der verbraucht ja eh fast nix, da kann ich die Strecke schnell mitm Auto statt mit den Öffis fahren, geht schneller.“ Flüge wurden billiger – es wurde öfter geflogen. Der Akku im Laptop hält zwar länger, aber dafür hat man auch ein Tablet, eine Smartwatch und kabellose Kopfhörer, die aufgeladen werden müssen. Das heißt: Die effektiven Einsparungen durch höhere Effizienz werden durch höheren Verbrauch oft konterkariert.
Was heißt das also? Die harte Wahrheit ist: Wir müssen wirklich sparen, nicht nur effizienter werden. Sonst können wir uns nämlich die gesamte Energiewende einmargerieren. Erneuerbare werden gerade massiv ausgebaut, und das ist auch gut so, aber sie ersetzen die fossilen nicht – und wenn man in Richtung USA und den Präsidenten schaut, sieht man sogar, wie massiv große Staaten ihre gesamte Volkswirtschaft auf den fossilen Energien aufbauen und scheinbar keinen Plan haben, das auch nur irgendwie zu ändern.
Beharren auf dem Alten
Weltweit decken Kohle, Öl und Gas noch immer rund 80 Prozent des Energiebedarfs – ein Anteil, der sich über Jahrzehnte kaum bewegt hat. 2024 waren Kohle-, Öl- und Gasverbrauch sogar alle auf Rekordniveau. Wir bauen Windräder, ja. Wir schalten dafür aber keine Kohlekraftwerke ab, wir hängen die Windräder daneben und verbrauchen einfach insgesamt mehr. Apropos Volkswirtschaft: Aus Wien gibt es eine spannende Studie – Forscher:innen der BOKU haben die gesamte Weltliteratur zum "Entkoppeln" von Wirtschaftswachstum und Emissionen durchgekämmt. Das Ergebnis: Die beobachteten Raten reichen bei Weitem nicht, um schnell und absolut genug herunterzukommen. Was wir daher benötigen, ist Suffizienz – also Reduktion des Energieverbrauchs.
Und dann gibt es da noch diese Überlegungen, das CO2 einfach wieder aus der Atmosphäre zu „saugen“, wie mit einem überdimensionierten Staubsauger. Bis so ein Projekt marktreif wird und messbare Ergebnisse bringt, wird noch verdammt viel Wald brennen. Zusätzlich ist es brandgefährlich (see what I did there?), sich auf so einen Staubsauger, der alles retten wird, zu verlassen – denn wenn man glaubt, in Zukunft kann man den ganzen Dreck einfach wegsaugen, dann pfeift man bereits in der Gegenwart aufs Aufräumen. Die Wissenschaft hat dafür einen Namen: "mitigation deterrence".
Ganz grundsätzlich: Es ist nicht so, dass die Technik nichts verändert. Es gibt bereits viele tolle Entwicklungen. Solarpaneele, Wärmepumpen, Bahn, Radwege, Rekuperation bei E-Motoren – das alles wird längst eingesetzt. Was verzögert, sind nicht fehlende Erfindungen, sondern fossile Interessen und der bequeme Glaube, jemand anderes, irgendein Genie, irgendeine App, werde es schon lösen, damit wir nichts ändern müssen. Dieser bedingungslose Glaube an die Technologie ist zur elegantesten Ausrede fürs Nichtstun geworden.
Übrigens: Dieses „Ich muss meinen eigenen Fußabdruck verkleinern“-Ding ist nachweislich ein sehr perfides und erfolgreiches PR-Projekt von großen Konzernen – eingeführt wurde der Begriff vom Ölriesen BP. Praktisch, weil es von der Verantwortung als Konzern ablenkt. Und da beginnt eine ganz feine Linie: Der Glaube, dass nur „die da oben“ was machen müssen, ist zwar richtig – die müssen! – aber das darf nicht zum Gedanken führen „Was ich mache, ist eh egal.“ Ja, jede:r und jede von uns sollte sich überlegen, wie man umweltschonender leben könnte. Aber dafür müssen uns die entsprechenden Systeme auch angeboten werden. In meiner Welt heißt das: Wir müssen diese Systeme laut einfordern. Wir Bürger:innen müssen von Politik und Wirtschaft ein Suffizienzdenken einfordern und darauf drängen, dass Einsparungsziele ernsthafter verfolgt werden – und gleichzeitig unseren Teil dazu beitragen. Ein erster Schritt wäre übrigens, jene Parteien, die uns ein Ende des Klimawandels durch technologischen Fortschritt versprechen wollen oder gleich den ganzen Klimawandel aus Populismusgründen anzweifeln, einfach nicht zu wählen. Wir haben nämlich die Wahl. Noch.