Sie nehmen in Ihrem Programm die Assimilationsbemühungen vieler Serb:innen aufs Korn, die danach streben, „bessere“ Ausländer:innen zu sein. Wie groß empfinden Sie in unserer Gesellschaft den Druck, sich der Mehrheitsbevölkerung anzugleichen?
Ich habe den Vorteil, dass ich hier schon die Schulpflicht absolviert habe und Deutsch und Serbisch akzentfrei beherrsche. Was ich trotzdem festgestellt habe: Nur integriert zu sein, um akzeptiert zu werden, reicht in Österreich nicht aus. Das Land schämt sich nicht, in Stellenausschreibungen akzentfreies Deutsch zu verlangen. Das ist wirklich offen nach außen getragener Rassismus. In den Bundesländern habe ich das Gefühl, dass man so lange nicht dabei ist, solange man nicht auch den Dialekt kann.
Hier dürfen nur Personen wählen, die die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen. Wie beurteilen Sie diese Regelung?
Ich habe tatsächlich mit Ministerin Karoline Edtstadler darüber geredet. Nicht-Österreicher:innen dürfen nur Gemeinderäte wählen. Das ist ja total lächerlich. Das kann ich mir in die Haare schmieren als Mensch, den Außenpolitisches sehr interessiert. Es sind ganz viele aus dem demokratischen Prozess einfach ausgeschlossen. Man erlangt das Recht, auf Bundesebene mitzubestimmen, nicht durch einen guten Leumund und zwanzig Jahre Steuernzahlen. Das finde ich problematisch, da ja die Doppelstaatsbürgerschaft verboten ist. Was aber angebracht wäre: dass man das Wahlrecht nur dort exekutieren darf, wo man hauptgemeldet ist. Ich sehe überhaupt nicht ein, dass Serbinnen in Österreich Vučić wählen dürfen und Türken Erdoğan.
Wie wichtig ist für Sie eine vielfältige Gesellschaft?
Dass eine Gesellschaft gemischt ist, ist eigentlich der normale Zustand. Provokant formuliert: Es hat nicht jedes Land das Privileg, auf so viele Jahre Faschismus zurückzublicken, dass es keine Volksminderheiten mehr gibt. Wo anders gibt es die, und je schlechter man mit ihnen umgeht, umso mehr Konflikte hat man. Das sieht man aktuell am Kosovo.
Es ist nicht fair, wenn der autochthone Teil der Bevölkerung Zuwander:innen als Parallelgesellschaft bezeichnet. Wenn eine Frau mit Kopftuch auf einer Bank sitzt – das beobachte ich in Wien regelmäßig – und niemand setzt sich neben sie, wer bildet dann die Parallelgesellschaft?
Als Kinder haben wir zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass andere nicht mit uns spielen durften. Da hätten die Eltern geschimpft. Also waren wir am Spielplatz halt mit den Ausländerkindern zusammen. Unsere Sprache im Umgang miteinander war durchaus Deutsch. Wir verwenden jetzt auch viele Lehnworte, wie „Krankenhaus“, „Überweisung“, „Einbürgerungsantrag“. Wahrscheinlich weiß keiner, wie man das auf Serbisch sagt, warum auch?
Wie stark hängen Identität und Nationalität zusammen?
Für mich wenig, weil ich aus einer Minderheit stamme. Ich bin Walachin. Wir sind rumänischsprachige Serb:innen. Ich wusste immer schon, es gibt Leute, die finden uns nicht so toll, ich habe immer einer Minderheitenerfahrung gemacht. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendeinem Land irgendetwas schulde. Niemand tut das.
Jetzt ist es in Serbien so: Wenn man groß gehypt werden will, sollte man schon ein bisschen nationalistisch sein. So wie Tennis-Star Novak Djoković. Die Leute, die breit akzeptiert werden wollen, sollten sich vor laufender Kamera regelmäßig bekreuzigen.
Am Land, vor allem im südlicheren Serbien, hängen Nationalität und Identität schon zusammen, da hat man einen sehr starken Opferkomplex. Nationen, die ihre Vergangenheit nicht aufarbeiten, bleiben viel mehr an dem Zeug hängen.
Die Aufarbeitung vermissen Sie an Österreich auch?
Ja, Österreich und Serbien haben einiges gemeinsam. Beides sind Länder mit einem Komplex einem gefühlten großen Bruder gegenüber, der sich in Wahrheit wenig interessiert für einen. In Österreich ist es Deutschland, wir haben die Russen.
Wir wären gerne eine große Nation, aber irgendwie sind wir jedem wurscht. Vielleicht hört jemand her, wenn unsere Haltung radikaler wird? Es ist traurig.
Ihr Programm ist sehr politisch und rüttelt auf. Was hoffen Sie damit zu bewirken?
Das Stück habe ich geschrieben aus einem Ärger und aus Scham heraus. Diese Frau auf der Bühne, die zuerst Strache dann Kurz verehrt, ist so wirklich vorhanden. Ganz viele Menschen im Alter meiner Eltern waren große, große Strache-Fans. Ich wollte zeigen: Diese Person ist ein Bild davon, was aus einem wird, wenn man Populist:innen glaubt.
Haben Sie eine Erwartung an Universitäten, soziale Probleme zu lösen?
Ich finde, dass eine öffentliche Universität immer die Intention haben sollte, so breit zugänglich zu sein wie möglich. Studierende aus Nicht-EU-Ländern, die wirklich nicht reich sind, müssen viel mehr bezahlen als Inländer:innen. Da würde ich mir wünschen, dass man es denen etwas leichter macht, da sie in der Regel eh nebenbei berufstätig sind und ihre Abgaben leisten.
Glauben Sie, dass die Forschung Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft beseitigen kann?
Ja und nein. Es ist wichtig, dass Gebildete sich Themen annehmen. Was aber notwendig ist, dass diese Menschen einen Schritt zurückgehen und sich bewusst machen, dass sie selbst in einer privilegierten Situation sind. Andere haben Bildung nicht in demselben Ausmaß mitbekommen. Man sollte schon wissen, in welcher Bubble man ist.
Was aber die Wissenschaft immer tun muss und tun wird –
und deswegen ist auch wichtig, dass sie nie unterwandert wird, egal von welcher politischen Intention – ist niederschreiben, wie es später sein wird. Deshalb muss man die Unabhängigkeit aller Universitäten immer schützen. Sie haben den Zweiten Weltkrieg analysiert. Es waren auch Intellektuelle, die aufgearbeitet haben, was nach der Ära Tito am Balkan passiert ist. Akademiker:innen sollten die Wahrheit hüten. Ohne Wissenschaft gibt es keine Wahrheit mehr.