Sie waren auf allen vierzehn 8000ern. Hilft diese Erfahrung auch, die sprichwörtlichen Mühen der Ebene leichter zu bewältigen?
Die intensiven Erlebnisse während meiner Expeditionen haben mich sehr stark geprägt. Und ja, durch einige Grenzerfahrungen hat sich meine Wahrnehmung der „Mühen der Ebene“ stark relativiert. Falls etwas Belastendes auf mich zukommt, frage ich mich immer: „Ist es lebensbedrohlich?“ Und meist ist es das nicht.


Wie fühlen Sie sich nach einem extremen Gipfelerlebnis?
Am Gipfel selbst spüre ich meistens eine absolute Stille, Verbundenheit, innere Ruhe und große Dankbarkeit, all das erfahren zu dürfen. Zurück im Basislager erlebe ich oft tiefe Freude, die ich mit Worten kaum beschreiben kann.

Was treibt Sie an, solche außergewöhnlichen Herausforderungen zu suchen?
Die Bergwelt begeistert mich seit meiner Kindheit. Und speziell das Höhenbergsteigen hat für mich viele faszinierende Facetten. Zum Beispiel, gemeinsam im kleinen Team unterwegs, weit weg jeglicher Zivilisation und scheinbarer Sicherheit zu sein, reduziert auf ein Minimum, auf das Wesentliche und nur mit dem Mitgebrachten große Herausforderungen zu meistern. Magische Sonnenauf- und Sonnenuntergänge, ein Sternenmeer, wie es nur weit oben zu finden ist. All das und noch mehr erfüllt mich zutiefst.

Welchen Unterschied macht es für Sie, ob Sie einen herausfordernden Berg bewältigen oder eine gemütlichere Tour schaffen?
Auf Expedition gelingt es mir noch leichter, ganz bei mir zu sein. Absolut fokussiert, ohne Ablenkung und mit völlig offenen Sinnen präsent zu sein. Beim Aufstieg wird nur das Nötigste gesprochen. Das Erweitern meiner eigenen Grenzen macht eigentlich den beträchtlichen Unterschied aus. Natürlich genieße ich auch eine gemütliche Tour, generell erfreue ich mich am Unterwegssein. Es ist für mich immer lehrreich, inspirierend und somit Energie- und Kraftquelle. 

Wie motivieren Sie sich, wenn Erfolgserlebnisse ausbleiben?
Erfolg gibt es immer, manchmal aber nicht den, den ich mir innerlich erhofft habe. Für mich ist das oberste Ziel die gesunde Rückkehr. Somit ist es, falls ich den Gipfel nicht erreicht haben sollte, jedoch gesund ins Basislager zurückkehren konnte, dennoch ein Erfolg. Die Motivation entspringt, so denke ich, immer aus der tiefen Begeisterung am Vorhaben und am Unterwegssein.

Was können Sie Studierenden oder generell jungen Menschen empfehlen, die vor großen Hürden stehen? 
Wenn man eine wahre innere Begeisterung hat und das Wofür klar ist, gibt es immer einen Weg. Man wird früher oder später unweigerlich etwas abschließen können. 

Trauen sich Mädchen und Frauen zu wenig zu? 
Das kann man nicht generalisieren. Tendenziell ist es jedoch so, dass sich Mädchen und Frauen kritischer betrachten. Ob sie sich dadurch vielleicht weniger zutrauen, ist schwierig zu beurteilen. Falls ja, sind die Gründe sicher vielschichtig. Gesellschaftliche Normen, Sozialisierung, Veranlagung und Umwelt spielen wahrscheinlich die Hauptrollen.

Bereiten Universitäten Ihrer Ansicht nach ausreichend auf steinige Wege in der Berufswelt vor? 
Ich habe zu wenig Einblick, um diese Frage fundiert beantworten zu können. Falls das Zitat von Aristoteles: „Bildung des Geistes ohne Bildung des Herzens ist keine Bildung“ Basis der universitären Ausbildung ist, sind die Studierenden für ihren Lebensweg bestmöglich vorbereitet.

Was sollten Universitäten Studierenden unbedingt vermitteln?
Offenheit, Vertrauen ins Leben, Begeisterung und Hingabe für das jeweilige Tun sowie verbindendes Miteinander sind für mich Kernwerte.

Interview: Dagmar Eklaude

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