„Kabarett verändert sich stark. Die Künstlerinnen und Künstler reagieren auf Tagespolitik, neue Medien, soziale Randpositionen“, führt Mario Huber aus. Migrationsbiografien und queere Themen bekommen beispielsweise eine immer größere Bühne. Das zeigen etwa ➡ Omar Sarsam, ➡ Malarina oder neuerdings Kleinkunstvogel-Gewinner ➡ Sebastian Humi. Letzterer beweist in seinem ersten abendfüllenden Programm „Das zerrissene Kind: Arabisch – Katholisch – Schwul“ einmal mehr, dass politische Korrektheit keineswegs Spaßbremse sein muss. „In der Debatte um Wokeness und Cancel-Culture geht es vor allem um Empathie. Wenn sich Männer über das Gendern lustig machen, ist das einfach nur billig“, analysiert Huber.
Angehörige diskriminierter Gruppen dürfen sich hingegen sehr wohl zur Belustigung aller selbst durch den Kakao ziehen. Eigene Unzulänglichkeiten humorvoll zu betrachten, zeuge auch von innerer Größe. Der Wissenschaftler verweist auf die auch in der NS-Zeit ausgeprägte jüdische Witze-Tradition: „Die Verfolgten erniedrigten sich darin selbst, bevor andere das tun konnten.“ Donald Trump hingegen verweigerte bereits in seiner ersten Amtszeit die Teilnahme am White House Correspondents’ Dinner, bei dem traditionellerweise Comedians auftreten und unter anderem den Präsidenten aufs Korn nehmen. „Daran sieht man die weithin mangelnde Fehlerkultur. Viele können auslachen, aber nicht mitlachen“, beschreibt der Germanist.
Auseinandergenommen
Wer amüsiert sich in einem Sketch über wen? Wer ist das Objekt der Witzattacke? Diese Fragen stellt Huber in seinem fachwissenschaftlichen Seminar zum ➡ Bildungspotenzial des Lachens. Er zeigt zur Veranschaulichung Ausschnitte aus dem ➡ „Herrn Karl“. „Alle finden darin etwas lustig, aber ganz unterschiedliche Dinge. Das hilft, den eigenen Humor zu erkennen“, hat der Forscher festgestellt. Manchen imponiere feinfühliger Witz, anderen ein deutlicher Fingerzeig. Die einen seien empfänglich für Sprachspielereien, die anderen eher für Slapstick. „Wenn man versteht, worüber jemand lacht, versteht man viel“, unterstreicht Huber. Mit diesem Wissen ließe sich auch im Alltag so manch sozial heikle Situation entschärfen.
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- KabarettarchivWorüber sich Personen amüsieren und welche Witze sie als solche erkennen können, ist unter anderem abhängig von Alter, Geschlecht, Milieu und kulturellem Hintergrund. „Japanisches Kabarett hat sich mir gar nicht erschlossen, norddeutsche Komik können wir auch schwer nachvollziehen. Der britische Humor ist dem österreichischen relativ ähnlich“, berichtet der Germanist. Dass die komische Tradition in der deutschsprachigen Literatur nicht so ausgeprägt ist, bedauert er. „Wir haben neben dem Kabarett noch Fernsehserien oder den Fasching, nichts davon wird als Hochkultur betrachtet. Das schreckt Autor:innen offenbar ab, lustige Texte zu schreiben“, mutmaßt Huber.
Ihn selbst begeistert das Genre bereits seit den frühen Teenagerjahren: „Ich habe im Radio Andreas Vitásek gehört und vermutlich nicht einmal alles verstanden. Trotzdem hat mich das beeindruckt“, erinnert sich der ausgebildete Elektrotechniker. Als er nach einigen Jahren Berufserfahrung das Germanistik-Studium an der Universität Graz begann, war er überrascht, dass Kleinkunst da kaum thematisiert wurde. Außer in einer Lehrveranstaltung von Beatrix Müller-Kampel, die ➡ Alfred Dorfer einlud und mit ihrer Gruppe ins ➡ Kabarettarchiv ging. Huber heuerte dann dort als ehrenamtlicher Mitarbeiter an und beschäftigt sich seither wissenschaftlich mit Humor. „Für meine Karriere ist das zwar nicht sonderlich dienlich, aber über die brauche ich mir ohnehin keine Gedanken zu machen. Egal, wo ich mich bewerbe, es gibt sicher eine Person aus Deutschland, die halb so alt und doppelt so gut ist wie ich“, scherzt er. Der Germanist möchte dennoch die Kabarettforschung in Österreich mit den Archiven in Graz, Krems und Innsbruck auf festere Beine stellen und hat dazu einen Förderantrag beim Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF gestellt.
Zusammengeschweißt
Macht uns das Witzereißen zuversichtlicher? „Humor entlastet jedenfalls und kann Denkanstöße geben. Die Zustände ändert er allerdings nicht“, relativiert Huber. Das hätten schon zahlreiche Künstler:innen ernüchtert festgestellt. Kabarett-Vorstellungen live zu erleben, würde aber doch den sozialen Zusammenhalt fördern: „Das gemeinsame Lachen – mit jemandem, nicht über jemanden – verbindet. Wir merken, dass andere ähnlich denken.“ Und selbst wenn sich mit Komik die Welt nicht retten lässt, lohnt sie sich, resümiert der Forscher: „Es ist ja auch ein schönes Gefühl, Menschen zum Lachen zu bringen.“
von Dagmar Eklaude