2/2021
UNIZEIT
7/11

Stimmungsmacher

Sabrina Sattmann ist Flötistin, Psychologin und Musikwissenschafterin. In ihrer Dissertation analysiert sie, wie Musik besonders intensive Emotionen auslöst.

Die einen können bei einer Jazz-Ballade wunderbar entspannen, die anderen macht der Saxophon-Sound unrund. Sie reagieren sich lieber bei Heavy Metal ab, während bei diesen härteren Rhythmen so manche Klassik-LiebhaberInnen Aggressionen bekommen. Warum wirkt Musik auf uns so unterschiedlich? Zum Teil hat das mit der Anatomie des Gehirns zu tun“, weiß Peter Schneider. Die Heschl’schen Querwindungen – in denen das primäre Hörzentrum liegt – sind individuell geformt und können in den beiden Hemisphären unterschiedlich groß sein (siehe Gute Schwingung). Diese „Bauart“ bestimmt, wie wir Klänge wahrnehmen. Wenn man einen Ton spielt oder singt, hören wir nicht nur die eigentliche Frequenz des Grundtons, sondern auch eine ganze Reihe an Obertönen, die die charakteristische Klangfarbe ausmachen und uns Klavier von Klarinette unterscheiden lassen. 
„Dominiert die Heschl’sche Querwindung in der rechten Gehirnhälfte, nehmen wir eher Obertöne wahr. Ist die linke stärker ausgeprägt, gelingt es uns besser, die Frequenz des Grundtons herauszufiltern“, beschreibt Schneider. Unsere musikalischen Vorlieben scheinen also zum Teil angeboren zu sein: „Opernfans sind zu achtzig Prozent ObertonhörerInnen, Rock-LiebhaberInnen zum überwiegenden Anteil GrundtonhörerInnen“, weiß der Forscher. Auch unter BerufsmusikerInnen gibt es klare Präferenzen: Die GrundtonhörerInnen unter den PianistInnen haben sich mehrheitlich der Klassik verschrieben, die Oberton-SpezialistInnen dem Jazz.

Gefühl und Gänsehaut
Welche Emotionen Melodien in uns auslösen können, ist eine Frage, der Sabrina Sattmann nachgeht. In ihrer Doktorarbeit beschäftigt sich die Musikpsychologin mit sogenannten „Chills“, also der momentanen Gänsehaut, die durch besonders intensive emotionale Eindrücke ausgelöst wird. Ihre Untersuchungen haben zweifelsfrei ergeben, dass uns Töne wohlige Schauer über den Rücken jagen können. Zumindest vielen von uns. Eine ähnliche Wirkung erzielen mitunter Poesie, Bilder und besonders intensiv die Kombination aus Bild und Ton. „Uns alle berühren Filmszenen des Abschieds oder des Wiedersehens“, nennt die Dissertantin ein Beispiel. 
Während manche beim Genuss dahinschmelzen, lassen andere die Melodien völlig kalt. „Persönlichkeitseigenschaften wie Empathie spielen da eine entscheidende Rolle“, hat sie herausgefunden. Je einfühlsamer die ProbandInnen sind, je häufiger und länger sie im Alltag aufmerksam und bewusst Musik hören und je größer sie die Bedeutung dieser Kunstform in ihrem Leben einschätzen, desto öfter empfinden sie Chills. Unerheblich ist dabei, ob man LaiIn oder Profi ist, ein Instrument beherrscht oder nicht.

Euphorie
Im Gehirn werden bei diesen starken Emotionen jene Areale aktiviert, die bei Belohnung und Motivation involviert sind. Die Melodien wirken also ähnlich wie gutes Essen, Drogen oder Sex. Egal ob Streichquartett, Pop-Ballade oder Rock-Song.
Sattmann hat auch die Stellen in den Stücken analysiert, die bei ihren Versuchspersonen die Gänsehaut auslösten. Das waren durchwegs Höhepunkte oder abrupte Änderungen in Melodie, Instrumentierung oder Lautstärke nach relativ monotonen Abschnitten. Ähnliche Beobachtungen wurden in Untersuchungen zu Gedichten gemacht, auch hier lassen sich in der Komposition entscheidende Stellen finden. „Meine Studie zeigt, dass musikalische Chills mit Kraft und Verzauberung zusammenhängen. Die Faszination für die Musik dürfte auch Energie und Zuversicht auslösen, um größere Herausforderungen bewältigen zu können“, fasst Sattmann zusammen. Diese Erkenntnisse könnten im therapeutischen Kontext oder für motivationsfördernde Zwecke beispielsweise im Sport genutzt werden.

von Dagmar Eklaude

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