2/2021
UNIZEIT
7/11

Gute Schwingung

Aufmerksam und ausgeglichen statt zerstreut und zappelig: Die Geiger oder Flötistinnen unter den Schulkindern können in der Regel dem Unterricht besser folgen und haben beim Lernen Vorteile. Das hat eine seit zwölf Jahren laufende Langzeitstudie in Graz und Heidelberg gezeigt. Die Psychologin und Neurowissenschafterin Annemarie Seither-Preisler hat gemeinsam mit dem Physiker, Musiker und Hörtherapeuten Peter Schneider die neurologischen Auswirkungen des Musizierens analysiert. „Ein Instrument zu spielen hat enormen Einfluss auf die funktionelle Aktivierung des Gehirns. Die Vernetzung der Nervenbahnen und die Weiterleitung der neuronalen Erregung werden wesentlich effizienter“, fasst Seither-Preisler zusammen. Bei den Kindern verbessern sich die Hörverarbeitung sowie die Balance zwischen den beiden Gehirnhälften. Das Üben hilft aber nicht nur dem Orchester-Nachwuchs, sondern in besonderem Maße SchülerInnen mit Verhaltensauffälligkeiten und Lernschwierigkeiten.

Aus dem Takt
„Kinder mit Legasthenie und ADHS haben sehr häufig auch auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen“, hat die Forscherin beobachtet. Der Grund: Die Hörareale beider Gehirnhälften werden stark zeitversetzt aktiviert. Folglich haben die Betroffenen auch Probleme mit der Sprachwahrnehmung, denn die automatisierte Verarbeitung des Gehörten funktioniert nicht so gut. „Beim Zuhören und Verstehen müssen sich diese Kinder ganz besonders konzentrieren. Das strengt über Gebühr an“, schildert Seither-Preisler. Somit gelingt es ihnen nur mühsam, die Sprache in Schrift umzusetzen, also richtig niederzuschreiben, was die Lehrperson in der Schule ansagt. Außerdem ermüden sie schneller und sind dann weniger in der Lage, den Sinn des Gehörten zu erfassen. „Damit bleiben diese SchülerInnen schnell auf der Strecke, was man leicht ändern könnte“, kritisiert die Psychologin. Regelmäßiges Musizieren in einem Umfang von etwa fünf Stunden pro Woche zeigt bereits nach einem Jahr markante Wirkung, weil es die Gehirnhälften in Balance bringt. 

Ohren spitzen
„Natürlich ist es aus zeitlichen und wirtschaftlichen Gründen nicht möglich, dass alle Kinder ein Instrument lernen“, räumt die Forscherin ein. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Peter Schneider möchte sie ein neu konzipiertes aktives Hörtraining einsetzen, mit dem sich ähnliche Effekte in einem deutlich kürzeren Zeitraum erzielen lassen. „Wir lenken dabei den Schall sowohl durch die Luft als auch direkt über die Knochenleitung ins Innenohr. Auf diese Art imitieren wir die Wirkung des aktiven Musizierens“, beschreibt Schneider. Das Gehör lernt dadurch, flexibler auf Geräusche und Klänge zu reagieren, und wird sogar noch stärker gefördert als beim Spielen eines Instruments. Diese Methode soll in den nächsten Jahren am Zentrum für Systematische Musikwissenschaft nun mit VolksschülerInnen näher beforscht werden.
Zudem sollen mit selbst entwickelten EEG-Messverfahren und hörakustischen Tests Risiko-Kinder frühzeitig erkannt werden. Bisher werden ADHS oder Lese-Rechtschreib-Schwäche häufig erst während der Schulzeit diagnostiziert. „Über das neuro-auditorische Hörprofil lässt sich das schon früher neurologisch sehr präzise feststellen“, erklärt Seither-Preisler. Den Betroffenen könnten man dann das Hörtraining anbieten, um ihre Wahrnehmung und damit ihre Lernchancen zu verbessern. 
„Diese Methode bietet für alle Vorteile, auch für talentierte Kinder und Erwachsene“, ergänzt Peter Schneider. Mit ihrer Hilfe lassen sich nämlich auch besondere individuelle Fähigkeiten und Begabungen identifizieren. 

Pauke oder Trompete?
Die Verarbeitung von Sinneseindrücken variiert von Person zu Person. „In unserer Studie haben wir herausgefunden, dass sogar erfahrene MusikerInnen Änderungen von Tonhöhen, Melodien und Rhythmen ganz verschieden wahrnehmen. Auch das hat mit der Dominanz der Gehirnhälften zu tun“, beschreibt Schneider. Die Obertöne, die bei jedem gespielten Ton mitschwingen, werden unterschiedlich gehört (siehe  Stimmungsmacher). 
Über einen 15-minütigen selbst entwickelten Test können die WissenschafterInnen auch herausfinden, welches Instrument für wen maßgeschneidert ist. Obertonreiche Klangfarbeninstrumente wie Oboe oder Orgel eigenen sich eher für jene, deren rechte Gehirnhälfte dominant ausgeprägt ist. Für GrundtonhörerInnen passen etwa perkussive Instrumente, Klavier oder Gitarre.
Soll man dem Sprössling nun schon im Kindergarten die Flöte in die Hand drücken, um den Weg zum Bildungserfolg zu ebnen? Davon rät Schneider dringend ab. „Erst im Alter von neun bis zehn Jahren geht die Begabung in eine stabile Phase über.“ Es ist also nicht zielführend, Kinder vorher schon zu etwas zu drängen. „Nur was aus Eigenmotivation kommt, ist auch nachhaltig. Sonst geben sie spätestens in der Pubertät wieder auf“, so der Forscher. Es gebe auch kein kritisches Zeitfenster, um mit dem Musizieren zu beginnen. Auch im höheren Alter kann man sich also noch hemmungslos an den Bass oder die Tuba wagen: „Selbst Erwachsene profitieren in vielfältiger Hinsicht vom Spielen“, betont Schneider.

Stimmungsmacher