2/2021
UNIZEIT
9/11
© Uni Graz/Tzivanopoulos

Tanz auf dem Papier

Seinen Körper zur Musik zu bewegen, mag ja für die einen schon eine Wissenschaft sein. Eine noch viel größere Herausforderung ist es, Tanz zu beschreiben. Schritte, Rhythmus, Takt, Ästhetik, Ausdruck, Dynamik und Emotion – wie lässt sich das alles in Worte fassen und zu einer tänzerischen Bewegung auf Papier bringen? Rita Rieger bittet aufs literaturwissenschaftliche Parkett. 


Schritt links, Tap rechts, seitwärts vor, eine Viertel-Drehung zurück. Alles klar? „Tanz aufzuschreiben ist weit mehr als eine rhythmische Bewegung im Raum aus einer bestimmten Perspektive auf ein zweidimensionales Blatt zu bannen“, weiß Rita Rieger vom Zentrum für Kulturwissenschaften der Universität Graz. Wie kann die flüchtige Bewegung in Text vermittelt werden? Da stockt es schon einmal, weil die Sprache ihre Grenzen hat. „Die Vermittlung kann etwa durch die Benennung der Aktivität erfolgen, wie Gehen, Springen, Wirbeln, oder durch detaillierte Beschreibungen der Abläufe, der Musik, ergänzt von Ausführungen zu Kostümen und Requisiten“, zählt die Literatur- und Kulturwissenschafterin auf. Was der Text nicht wörtlich mitteilt, bleibt im Verborgenen oder wird von der Einbildungskraft ergänzt. Wie wirkt eine Figur? Wo liegt eine nicht genannte Hand? Oder welche Miene macht die Tänzerin?

Papiernes Parkett
Auch die Wiedergabe selbst wird zur Kunst. Dann, wenn Schrift dazu verwendet wird, um Bewegung buchstäblich nachzuzeichnen. Etwa bei der Dokumentation des höfischen Tanzes im 16. und 17. Jahrhundert. Rieger erklärt: „Das Blatt stellte den Ballsaal dar. Die Schrittfolgen wurden aus einer Sicht von oben notiert.“ Die Kinetographie um 1900 wiederum lässt die Schreibenden, Tanzenden und Lesenden dieselbe Perspektive einnehmen. „Der Textfluss schreitet gleichsam vom Zentrum des jeweiligen Akteurs aus in den papiernen Raum.“ Die Aufzeichnungen sind stets – den kulturellen, politischen, sozialen und künstlerischen Kontexten angepasst – stark visuell gestaltet, bestätigt die Forscherin. Sei es durch Sprachbilder, Illustrationen, Fotografien oder Videos, die langatmige Beschreibungen abkürzen.

Was die Welt bewegt
Obwohl sich seit der Renaissance kontinuierlich eigene Schriftsysteme entwickelten, hat sich – wie etwa in der Musik – bis heute keine eigene, allgemein gültige und für alle leicht verständliche Methode für Tanz etabliert. Rieger: „Viele ChoreografInnen kombinieren daher sprachliche Erläuterungen mit Wortkürzeln, grafischen Schematisierungen und Bildformaten.“
Tanz im Text beinhaltet mehr als nur die Verschriftung von Choreografien. Daher gibt es trotz der Fülle an Werken nur wenige, die Tänze allein beschreiben, räumt die Wissenschafterin ein. Viele spiegeln wider, was die Gesellschaft und die Welt wortwörtlich bewegt. Es ist ein lebendiger Reigen, der sich unter anderem um die kulturelle Bedeutung des Tanzens, soziale Aspekte, die Geschlechterfrage sowie Aufzeichnungspraktiken dreht. 

von Andreas Schweiger

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