2/2021
UNIZEIT
4/11

Schieflagen zurechtrücken

Menschen brauchen Kunst“, lautet Judith Laisters Einschätzung. Kreative Schöpfungen hatten immer schon wichtige Funktionen in Gesellschaften. In liberalen Demokratien gilt ihre Freiheit als Grundrecht. „Sie übt Kritik an bestehenden Verhältnissen, ist wichtig, um differenziert kritisch zu reflektieren und den öffentlichen Diskurs zu beleben“, unterstreicht die Kulturanthropologin und ergänzt: „In ihrer kritischen Stellungnahme und Vielfalt bildet sie stets auch den demokratischen Zustand einer Gesellschaft ab.“ 
Kunst wird unterschiedlich wahrgenommen, bewertet und honoriert, je nachdem welche politischen Haltungen und Konventionen in einer Gesellschaft dominant sind und wie das soziale Umfeld und die ökonomische Situation darin aussieht. Im Zuge der Demokratisierung bekamen KünstlerInnen einen anderen Stellenwert, mehr Rechte und wurden unabhängig von traditionellen AuftraggeberInnen wie dem Adel oder der Kirche. Was oft als Wohlstandsphänomen wahrgenommen wird, war und ist ein wichtiges Instrument zur Abgrenzung und Emanzipation.
Ungleiche Machtverhältnisse werden in der jetzigen Situation offensichtlich: „Personen, die über viel ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital verfügen, kommen mit der Krise besser zurecht als weniger Privilegierte.“ Der Kreativbereich zeigt gerade deutlich, wie stark Kunst, Staat und Ökonomie verflochten sind.

Alternative Wege
Weil Kunst etwas Schöpferisches ist, findet sie aber immer auch neue Möglichkeiten. „Immer dort, wo man bekannte Wege nicht weiter beschreiten kann, ist die Erfindungskraft groß. Unsere Routinen werden gerade stark in Frage gestellt. Neues, Überraschendes kann nicht nur in der Kunst, sondern auch auf einer persönlichen Ebene geschehen, zum Beispiel im kreativen Umgang mit dem Alltag“, hofft die Wissenschafterin und warnt gleichzeitig: „KünstlerInnen sind gerade stark in ihrem Spielraum eingeschränkt, viele von ihnen existenziell gefährdet. Da ist es fragwürdig, die Aussicht auf Neues zu idealisieren.“
Dass der Umgang mit Kunst und KünstlerInnen auch durchaus anders sein könnte, ist ein zentrales Gedankenspiel für die Expertin. Sie hofft auf ein Umdenken in der Politik: „Werden demokratische und soziale Schieflagen sichtbar und ernst genommen, sollten sie neu ausgehandelt werden.“ Die Gefahr bestehe aber, dass die Pandemie als Ausnahmesituation abgetan werde und sich wieder ein Status quo einstelle, ohne Probleme in Angriff genommen zu haben. Kritische Anmerkungen seien momentan ohnehin schwer, da sie dem Argument „Wir tun es für unsere Gesundheit“ gegenüberstehen. Laister: „Kunst als kulturelle Ausdrucksform ist erfinderisch, vielschichtig und wandelbar. Das sollte einerseits nicht die Ungleichheiten im sozialen Feld der Kunst und andererseits die Notwendigkeit von Kunst als kritische Instanz in liberalen Demokratien relativieren!“
Im Kreativbereich spiegeln sich gerade jetzt zentrale Problemfelder unserer Gesellschaft wider. Wollen wir es so belassen oder vielleicht hie und da noch etwas geraderücken?

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