2/2021
UNIZEIT
4/11

Empathie erlesen

Alexandra Strohmaier forscht am Institut für Germanistik und ist Fachbeirätin für Literatur der Stadt Graz. Als stellvertretende Sprecherin des Doktoratsprogramms „Kultur – Text – Handlung“ war sie für die Ausbildung Promovierender aus sechs europäischen Städten mitverantwortlich. In ihrem jüngsten Buch Poetischer Pragmatismus  zeigt sie am Beispiel von Goethe und William James, wie Wissen aus der Literatur die Philosophie beeinflusst.

Je unterschiedlicher das kulturelle Angebot ist, umso schärfer werden unsere Sinne für verschiedene Zugänge geschult. Kulturwissenschafterin Alexandra Strohmaier betont, dass literarische Texte uns nicht nur unterhalten, sondern auch sehr viel in unseren Köpfen bewirken können. „Wer mit Literatur sozialisiert wird, eignet sich wichtige kognitive und emotionale Kompetenzen an. Sie sensibilisiert für die Komplexität von Wirklichkeit und setzt vielfältige gesellschaftliche Diskurse in Dialog. Wenn wir lesen, versetzen wir uns in die Lage anderer und lernen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Wer verinnerlicht, dass die Realität vielfältig, relativ und ungewiss ist, ist eher resistent gegen Populismus und Verschwörungsnarrative, die einfache Antworten auf schwierige Fragen präsentieren.“  
Die gesellschaftliche Bedeutung der Literatur zeigte sich in den vergangenen Monaten auch am Leseverhalten, so die Forscherin: „Insbesondere Albert Camus’ Roman ‚Die Pest‘ hat reißenden Absatz gefunden, weil sehr viele Menschen darin Antworten auf ganz aktuelle Fragen gesucht haben. Damit dieses Bewusstsein vom Wert der Literatur und des Buches auch in Zukunft eine Rolle spielt, bedarf es eines frühen Zugangs zu ästhetischer Erfahrung und kultureller Bildung, sodass Literatur und Kunst nicht zu elitären Phänomenen werden.“

Literaturwissenschafterin Alexandra Strohmaier

Auf Intuition hören