1/2021
UNIZEIT
7/13

Felix Gottwald

Der ehemalige Nordische Kombinierer und bis heute erfolgreichste Olympiasportler Österreichs lebt mit seiner Partnerin und seinen zwei Töchtern in Ramsau am Dachstein. Er ist Vortragender, Trainer und Coach zu den Themen Veränderung, Mindset, Teamspirit und Leadership. Daneben betreibt er in seiner ehemaligen Heimat Zell am See seit November 2020 ein Feelgood-Bewegungscenter. Diese Form der unterstützten Bewegung kann ab 2021 in Gemeinden, Gesundheitszentren und Rehakliniken älteren Personen, Menschen mit besonderen Bedürfnissen und jenen, die sich von einer Krankheit erholen, zugutekommen. Darüber hinaus ist Felix Gottwald Mitgesellschafter des neu gegründeten Frischdienst-Zustellservice  ICH PLUS.

 www.felixgottwald.at

Welche Auswirkungen wird die Corona-Pandemie aus Ihrer Sicht auf den Sport haben?
Gute Frage. Ich denke, wir müssen zwischen Spitzensport und allgemeiner Bewegung unterscheiden. Im Spitzensport haben wir uns als BeobachterInnen leider fast schon daran gewöhnt, dass sich Maske statt Mimik und Werbebanner statt Publikumsbegeisterung durchsetzen. Spitzensport in Corona-Zeiten versucht erst gar nicht mehr zu kaschieren, dass es um die Werbung davor, während und danach geht – und leider zu selten um den eigentlichen sportlichen Vergleich.
Was die allgemeine Bewegung betrifft, lag im ersten Lockdown die durchschnittliche Zunahme an Körpergewicht bei zwei Kilogramm. Und das, obwohl ich persönlich das Gefühl hatte, so viele Menschen wie nie zuvor beim Spazierengehen und Sporteln getroffen zu haben. Damit die eigentliche Botschaft des Sports – nämlich die Welt, in der wir leben, besser zu meistern – ankommt, bräuchten wir als Schnitzel- und Spritzer-Nation so etwas wie eine Sport- und Bewegungskultur. Die haben wir noch nicht.


Stichwort Publikum: Werden die ZuschauerInnen in die Stadien zurückkehren oder weiterhin auf der Couch konsumieren?

Fans, die live ein Sportereignis besuchen, leisten deswegen noch keinen Beitrag für ihre Gesundheit, Fitness und Vitalität. Das wäre ja praktisch für unser krankes System. Nur zuzuschauen, wie andere dem Ball nachlaufen oder um Punkte, Meter und Sekunden kämpfen, wirkt sich noch nicht positiv auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes mellitus Typ 2 (als Folge von Überernährung) aus. Mir ist schon klar, dass Sport einen großen Unterhaltungswert hat und immer haben soll. Dennoch hat er mit seinen ProtagonistInnen auch die Aufgabe, den Menschen ein positives Vorbild zu sein. Oder wie Nelson Mandela sagte: Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern.

Welche Bedeutung haben ZuschauerInnen und Fans für Sie als Sportler? Geht es überhaupt ohne?

Ganz ehrlich: Wir hatten immer wieder Veranstaltungsorte, wo nur wenige ZuschauerInnen waren. Als Künstler und als Sportler solltest du deine Performance nie von der Größe deines Publikums abhängig machen. Einfach dein Bestes geben. Das war und ist seit jeher mein Credo. Es braucht die Einfachheit, damit wir den Alltag als Übung überhaupt nützen können. Und die Wiederholung ist ja bekanntlich die Mutter aller Fähigkeiten – publikumsunabhängig.

Wie profitieren ehemalige AthletInnen für spätere Berufe, auch als Führungskräfte, durch die von Ihnen zitierte „Lebensschule Sport“?

Wir sind es gewohnt, uns der eigenen Entwicklung in einem spezifischen Bereich hinzugeben. Dieser Weg fasziniert und erfüllt viele SportlerInnen. Wann immer wir uns für einen neuen Weg entscheiden, braucht es wieder den Mut und die Ausdauer, etwas zu finden, das uns begeistert und deshalb erfüllt. Ich kann nur jeden und jede ermutigen: Lasst euch von niemandem einreden, dass ihr nur dieses eine Talent habt. Unser größtes Talent ist es wohl, neugierig zu bleiben.

Marko Arnautovic bekommt in der chinesischen Fußballliga 200.000 Euro pro Woche, Sie müssen sich als erfolgreichster Olympiasportler Österreichs Ihr Geld mit Vorträgen und Workshops erarbeiten. Wieso beschwert sich niemand über hohe Sportlergagen?

Der Vergleich ist des Glückes Tod. Und gleichzeitig kann er auch vieles in unserem Leben relativieren. Ich bin im Übrigen davon überzeugt, dass ein „Zuviel“ gleich schlecht ist wie ein „Zuwenig“. Nicht immer können wir diese feine Linie selbst herausfinden oder gar selbst gestalten. Die meisten SportlerInnen sehen wir nur beim Gewinnen. Die Besten ihrer Zunft sind immer auch wahre MeisterInnen des Scheiterns. Sie verbindet, dass sie viel öfter verloren als gewonnen haben, jedoch meist völlig unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ich möchte beim Anflug eines Gedankens von Futterneid darauf hinweisen, dass, wenn jemand tauschen möchte, das ganze Paket zu nehmen ist. Vielleicht beschwert sich deshalb niemand – weder über das Gehalt des Bundeskanzlers noch über jenes eines in China kickenden Fußballers.

Und last but not least: Was können wir als Universität und Forschungsinstitution Ihrer Meinung nach für eine positive Entwicklung des Sports beitragen?

Wir sind Vorbild durch Vorleben die ganze Zeit über – ob wir wollen oder nicht. Ihr könnt als Universität eine Sport- und Bewegungskultur etablieren, die an den vielen Kleinigkeiten des Uni-Alltags gerade von Außenstehenden wahrgenommen wird. Und ihr könnt euren Weg multiplizierbar machen, während ihr unentwegt weiterforscht, was Bewegung wirklich imstande ist zu leisten: nämlich für alle unabhängig von Alter, Geschlecht und Herkunft. Ihr könnt auf einfache Weise euer Bestes geben und damit vielleicht den einen oder die andere inspirieren, ebenfalls in Bewegung zu kommen und zu bleiben.

Interview: Joachim Hirtenfellner

Inhaltsverzeichnis