1/2021
UNIZEIT
9/13
© Uni Graz/Tzivanopoulos

Im Rampenlicht

Populäre SpitzensportlerInnen stehen am gesellschaftlichen Podest ganz oben und genießen neben Ansehen großen Einfluss. Katja Corcoran erörtert das Heldentum aus sozialpsychologischer Sicht und widmet sich auch den Schattenseiten, welche Gefahren, Verantwortung sowie Neid mit sich bringen.


Der Nobelpreis in Physik. Eine herausragende Errungenschaft. Wie der Weg dorthin aussieht, was es heißt, Forschung zu betreiben, entzieht sich meist unseren Vorstellungen. Schauplatzwechsel: Sport. Top-AthletInnen vollbringen ebenso Herausragendes. Mit großer Zielstrebigkeit arbeiten sie auf ihren sportlichen Nobelpreis hin und nehmen dabei – ebenso wie der oder die PhysikerIn Hindernisse und Rückschläge in Kauf. „Die Strapazen und die Anstrengungen für sportliche Erfolge sind für uns nachvollziehbar, die Leistung dadurch greifbarer“, erklärt Katja Corcoran die ikonenhafte Verehrung und starke mediale Präsenz von SpitzensportlerInnen mancher Disziplinen. „Wenn wir die Erfolge live miterleben, sehen wir den Grund für diese Leistung zudem verstärkt in der Person selbst. Außer Acht gelassen werden dabei nicht selten das unterstützende Umfeld und glückliche Umstände, die dazu beitragen“, führt die Sozialpsychologin aus.


Neid und Bewunderung
Nicht jede oder jeder bewundere aber die ungewöhnlichen Errungenschaften. Missgunst sei ein häufiger Begleiter: „Wenn jemand die Anerkennung als nicht gerechtfertigt oder das Zustandekommen des Erfolges als unfair empfindet, können Neid, oder auch Entrüstung entstehen. Insbesondere, wenn man selbst gerne ganz oben stehen würde, zum Beispiel als TrainingskollegIn.“ Es sei leichter für nicht im Spitzensport Tätige, sich entweder mitzufreuen oder im Erfolg anderer zu sonnen. Letzteres geschehe vor allem bei einem nahen Verhältnis ohne den Wunsch, selbst Ähnliches zu erreichen. Gerade bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen strahlen die HeldInnen besonders. Menschen sehen sich nicht nur als Individuen, sondern wollen auch einer Gruppe angehören. Bei internationalen Großevents werden wir uns plötzlich unserer Nationalität bewusst und feiern Personen, die für unser Land unsere Gruppe etwas geschafft haben, schildert Corcoran. Dabei fühlt man sich selbst gut.


Status und Identität
„Der Stellenwert von AthletInnen in der Gesellschaft variiert und ist abhängig von der ausgeübten Sportart“, gibt die Sozialpsychologin zu bedenken. Wieso manche Disziplinen populärer seien und größere Medienpräsenz erhielten als andere, sei schwierig zu durchschauen. Fest stehe: je größer die Fangemeinschaft, umso höher auch der Status der AthletInnen und umso stärker wiederum deren potenzieller Einfluss in der Gesellschaft. Wieso aber haben AthletInnen auch bei sportfremden Themen innerhalb von Gemeinschaften so große Strahlkraft? Der Mensch strebt generell nach Harmonie, übernimmt also unter Umständen die Ansichten von Idolen. Corcoran: „Äußert sich die Sportlerin oder der Sportler etwa zu einem politischen Thema, teile ich den Standpunkt eher, weil ich aufgrund der Gruppenzugehörigkeit ähnliche Werte und Normen vertrete und mir selbst vielleicht noch keine Meinung gebildet habe. Habe ich aber bereits andere Ansichten, kann es sein, dass ich meine Einstellung zum Athleten, zur Athletin ändere.“ 


Zwei Seiten der Medaille
Hohe Popularität, hoher Status bedeuten also auch hohe Verantwortung, unterstreicht die Psychologin. Sie bergen jedoch auch die Gefahr, politisch oder ökonomisch ausgenutzt oder für einen anderen Zweck herangezogen zu werden. Zum Beispiel verwenden Unternehmen gesellschaftlich angesehene SportlerInnen als Testimonials, um Produkte besser zu vermarkten. 
Gleichzeitig können HeldInnen auch viele positive Veränderungen bewirken: „Das Lernen von Vorbildern ist sehr wirkungsvoll. Bei Bewegungen, wie Black Lives Matter, knieten und knien immer noch AthletInnen diverser Sportarten als Zeichen gegen Rassismus vor Wettkampfbeginn nieder. Wichtige gesellschaftliche Themen erhalten so die gebührende Aufmerksamkeit und Reichweite, um zu einer Verbesserung der Situation beizutragen.“ 

Katja Corcoran leitet den  Arbeitsbereich Sozialpsychologie an der Universität Graz und erforscht unter anderem soziale Vergleiche und Neid. Sie ist in einer sportlichen Familie aufgewachsen und selbst in ihrer Freizeit aktiv.

von Christina Koppelhuber

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