1/2021
UNIZEIT
8/13
© Gianmaria Gava

Immer live dabei

Peter Filzmaier, Professor für politische Kommunikation an der Universität Graz, bekannter ORF-Kommentator und begeisterter Athlet, über den Reiz von Live-Events, die Vorzüge des Fernsehsports und einende Wettkämpfe


Fernsehsport überwindet klarerweise örtliche Distanzen. Ich kann mit einem Knopfdruck etwa den Abfahrtslauf in Japan oder das Tennismatch in Brasilien verfolgen – hautnah und sogar nachhaltig. Doch viele sehen sich selbst die Partie im lokalen Stadion lieber daheim vor der Flimmerkiste an. Reine Bequemlichkeit?
Sicher ist das Bier auf der Couch eine Verlockung. Doch gibt es auch abgesehen von der Corona-Pandemie gute Gründe zuhause zu bleiben. Bei Japan und Brasilien ist die Massenreisetätigkeit für Sportereignisse umweltpolitisch sowieso kaum zu argumentieren. Wenn ich Rom leben würde, wäre mir wiederum sogar der Fußweg ins Stadion von Lazio zu weit. Wegen der rechtsextremen Fanclubs. Doch schon ein paar pöbelnde Hooligans oder grottenschlechte Organisation vor Ort reichen aus, um lieber vor dem Fernseher zu sein.

Oder lässt sich eine unterschiedliche Wirkung zwischen Live-Erlebnis und Sofa-Event erklären?

Naja, natürlich ist die Stadionatmosphäre einzigartig. Doch kennt nicht auch jeder und jede von uns Sportgeschichten vor Corona, wie er dieses oder jenes Fußballspiel, Tennismatch und Skirennen gemeinsam mit der Familie oder Freunden im Fernsehen erlebt hat und das ein tolles Erlebnis war? Meine Frau und Tochter sind zum Beispiel deutsche Staatsbürgerinnen, ich ein Spanienfan. Ich könnte Ihnen viel erzählen, was da vom Wiener EM-Finale 2008 bis zum jüngsten 6:0 in Sevilla daheim los war.


Warum begeistern sich überhaupt so viele für Sport am Bildschirm?

Man muss objektiv sagen, dass die Fernsehbilder in Verbindung mit Fachkommentaren und Datenaufbereitung unglaublich gut geworden sind und viel mehr Informationen bieten. Das hat längst nichts mehr mit den wackligen Schwarz-Weiß-Bildern meiner Jugend zu tun, wo wenig zu erkennen war und ein Reporter nur Emotionen zu vermitteln versuchte. Subjektiv kommt die Mischung aus vertrauter Atmosphäre und großer weiter Welt hinzu.

Die Vergabe von TV-Übertragungsrechten sportlicher Großereignisse sorgt für sowohl hohe Summen als auch fette Schlagzeilen. Liegt das mediale Interesse nur an den Einschaltquoten? Werden Sportevents teils hyper-inszeniert?

Konzerne mit enormen Finanzmitteln – zum Beispiel Liberty/Discovery, 21st Century Fox/Sky/News Corporation, Wanda/Infront und DAZN - kaufen systematisch Sportrechte auf. Da geht es um Stakeholder, nicht ums breite Publikum. Viele Sportarten verschwinden hinter einer Paywall. Free-TV-Sender können bei solchen Summen nicht mithalten. Was den Hype betrifft: Schisport etwa mag ja in Österreich ein gewollter Hype sein, doch braucht es eine natürliche Basis. In 90 bis 99 von 100 Ländern könnte man das nicht inszenieren.


Ist Fernsehsport pure Unterhaltung oder mehr? Wird es gar als Instrument zur politischen Kommunikation benutzt? Und kann Wettkampf tatsächlich identitätsstiftend sein?

Selbstverständlich ist es ein Instrument politischer Kommunikation. In der harmlosen Variante zeigen sich Politiker formatfüllend mit den Landesfarben auf der Wange und fernsehgerecht jubelnd vor der Kamera. Weniger harmlos ist der Sport als Bühne für Diktatoren. In beiden Fällen wollen SpitzenpolitikerInnen beim Sport die Botschaft „Ich bin eine/einer von Euch!“ vermitteln. Warum? Weil ein Match oder Rennen „Wir gegen die Anderen!“ wirklich Identifikations- und Integrationseffekte fördert.


Und wie erleben Sie lieber Sport? Live oder vor dem Bildschirm?

In der Praxis entscheidet mein Terminkalender, in der Theorie ist es so: Beim Fußball bekomme ich im Stadion alles mit. Warum sollte ich also zuhause bleiben und auf die Live-Atmosphäre verzichten? Eine Radetappe der Tour de France sehe ich hingegen lieber auf dem Bildschirm. Ich würde ja fast alle Attacken verpassen, wenn ich an einem einzigen Punkt der Strecke stehe. Ok, den Anstieg nach Alpe d’Huez in der Tour de France mal ausgenommen, das hat schon ein besonderes Flair.


Interview: Andreas Schweiger

In seinem Buch Atemlos“, erschienen im Brandstätter-Verlag, verrät Peter Filzmaier seine „schönsten Sportgeschichten und was sie mit Politik zu tun haben“.

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