1/2021
UNIZEIT
11/13
© Uni Graz/Tzivanopoulos

Der zwölfte Mann

Im Fußball spricht man – politisch nicht ganz korrekt – vom Publikum als dem „zwölften Mann“. Ihm werden praktisch Zauberkräfte zugeschrieben, die man auch als Heimvorteil kennt. Was es psychologisch damit auf sich hat und wie sich die Situation ohne ZuschauerInnen während Corona entwickelt hat, beleuchten ForscherInnen der Universität Graz.


„Fans im Stadion erhöhen die physiologische Erregung der SportlerInnen“, weiß Psychologe Alois Kogler (am Foto r.). „Das hat einerseits eine Auswirkung auf die Leistung, andererseits auf das Verhalten der SpielerInnen.“ So gebe es vom Publikum unterstützt eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass automatisierte Reaktionen deutlicher hervortreten. „Für einfache Dinge, wie beispielsweise seine Kräfte zusammenzunehmen, wirkt sich diese Erregung positiv aus, für komplexe Vorgänge – etwa die Kontrolle der eigenen Emotionen –, ist dieser Zustand kontraproduktiv“, führt Kogler aus. Dabei mache es einen Unterschied, wie versiert die SpielerInnen im Umgang mit Zuschauermassen sind. „International erfahrene SportlerInnen sind daran gewöhnt und empfinden viel Publikum als Unterstützung, kommunizieren und ‚spielen‘ teilweise sogar mit ihren Fans. Jungen, unerfahrenen dagegen fehlt dann oft die notwendige Fokussierung, die zusätzliche Aufregung hemmt sie“, sieht Kogler auch hier einen Unterschied.

Heimnachteil
Die beiden ForscherInnen 
Markus Tilp und Sigrid Thaller (am Foto l.) vom Institut für Bewegungswissenschaften, Sport und Gesundheit der Uni Graz haben die Spiele in der deutschen Fußballbundesliga der Saison 2019/20 mit und ohne Publikum eingehend statistisch analysiert. „Wir haben herausgefunden, dass sich der ursprüngliche Heimvorteil in den sogenannten Geisterspielen sogar zu einem Nachteil gewandelt hat“, erklärt Tilp. Während Spiele mit ZuschauerInnen noch zu 43 Prozent von den GastgeberInnen gewonnen wurden (bei 35 Prozent Auswärtssiegen), waren es in leeren Stadien nur noch 33 Prozent (bei 43 Prozent Erfolgen der Auswärtsmannschaft). „Und das, obwohl die ansässigen Teams in dieser Phase der Meisterschaft in der Tabelle durchschnittlich besser platziert waren“, streicht der Wissenschafter hervor. „Eine Verringerung des Heimvorteils durch fehlendes Publikum wurde weltweit in 41 von 63 untersuchten Ligen, darunter sehr markant in Österreich, festgestellt.“ Auch Schiedsrichterentscheidungen wie die Anzahl der Verwarnungen (gelbe und rote Karten) oder der zugesprochenen Elfmeter wurden offenbar durch leere Tribünen beeinflusst. „Die merkbare Bevorzugung der Heimteams bei Publikumsspielen fiel in den Geisterspielen weg“, konnten Tilp und Thaller in ihrer  Publikation nachweisen.

Psychospiele
„Es gibt zwei Erklärungen für die Wirkung von Fans auf die Referees“, führt Alois Kogler aus. „Auf der einen Seite verunsichern ZuseherInnen die schwarzen Männer oder Frauen. Daher neigen sie zu einer Bevorzugung der Heimmannschaft.“ Bei Geisterspielen würden SchiedsrichterInnen sicherer in ihren Entscheidungen. Ohne Publikum nimmt außerdem offensichtlich die Aggressivität der SpielerInnen und damit die Notwendigkeit des Einschreitens ab.„Die Teams zeigen ein deutlich gesteigertes Fair-Play-Verhalten, auch verbale Angriffe gehen signifikant zurück. Oder zusammengefasst: Die SpielerInnen agieren wesentlich disziplinierter und weniger emotional“, fasst der Psychologe zusammen. Und mit dem ausbleibenden Applaus können die KickerInnen auch immer besser umgehen: „Erreichten die Auswärtsmannschaften zu Beginn der Geisterspiele fast 80 Prozent der Punkte, holten die Heim-Teams in den letzten drei Runden der Liga wieder auf“, berichtet Markus Tilp. Gut möglich also, dass in der neuen Saison außergewöhnlich ausgeglichene Matches ausgetragen werden. 

von Joachim Hirtenfellner

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