1/2021
UNIZEIT
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© Uni Graz/Tzivanopoulos

S.p.o.r.t. 
Eine Runde mit dem Rad drehen, Triathlon, Hobbyfußball, Gartenarbeit. Letzteres aber nur mit Jogger und Nikes. Die Beispiele zeigen, wie breit die Palette der körperlichen Betätigungen ist. „Sport als klar strukturierte, zielorientierte, geplante Aktivität ist nur ein kleines Segment“, weiß Peter Hofmann. „Medial wird jenes allerdings besonders glorifiziert oder dramatisiert und damit leider sogar oft negativ assoziiert.“


Sport. Ist. Mord. 
Der gesundheitsorientierte Bereich müsse stärker hervorgehoben werden, plädiert der Sportwissenschafter. Die Hälfte der europäischen Bevölkerung bewege sich weniger als empfohlen. „Das, was wir für körperliche Aktivitäten brauchen, ist ein Werbesujet gleich dem Marlboro Man“, zitiert Hofmann die US-amerikanische Forscherin Barbara Ainsworth. Mit dessen Coolness wurden sogar NichtraucherInnen angesprochen. Die Aufmerksamkeit, welche sich der Experte in der Öffentlichkeit wünscht, ist bei körperlicher Betätigung – anders als beim Rauchen – nicht nur cool, sondern sogar lebensverlängernd. Zahlreiche positive Effekte, physisch wie psychisch, sind wissenschaftlich mehr als gesichert. Viele Erkrankungen wären schon durch lediglich mäßige Bewegung vermeidbar.
150 Minuten moderate oder 75 Minuten anstrengende Aktivität pro Woche, regelmäßig aufgeteilt. So einfach kommt man zum Lebenselixier. „Sogar bei weniger als der empfohlenen Aktivität sinkt das Sterberisiko im Vergleich zur Inaktivität um 20 Prozent, bei der ein- bis zweifachen empfohlenen Aktivität bereits auf 31 Prozent“, erklärt der Wissenschafter. Dass LeistungsportlerInnen aufgrund der hohen Belastungen früher sterben, sei zudem ein Irrglaube. Ausdauer-AthletInnen leben im Mittel sogar eineinhalb Jahre länger als der Durchschnitt.
Auch der Zeitpunkt der Aktivität, über die Lebensspanne gesehen, sei nicht unwesentlich. So begünstige körperliche Betätigung in der Pubertät ein stärkeres Knochengerüst und Knochenwachstum, von welchem in späteren Jahren profitiert werden könne. Im Alter und in gesundheitlichen Krisen, wie zum Beispiel bei Operationen, seien es außerdem die Sauerstoffaufnahmefähigkeit und Muskulatur, die die Basis für einen besseren Umgang mit solchen Situationen liefern. Daher müsse regelmäßig an diesen physischen Komponenten gearbeitet werden. Jede Pause macht sich bemerkbar, der Körper besitzt ein Bewegungsgedächtnis. LeistungssportlerInnen etwa verlieren nach einer krankheitsbedingten Pause einige Wochen an wichtigem Training für den Wettkampf.


Training als Therapie 
Nicht nur in der Prävention, sondern ebenso bei bereits eingetretener Krankheit kann Bewegung positive Effekte erzielen: „Brustkrebspatientinnen bekommen zusätzlich zur Chemotherapie eine intensive Trainingstherapie, um die Nebenwirkungen zu reduzieren.“ Bei 26 chronischen Leiden wirkt ein gezieltes und individuell angepasstes Training positiv auf die Erkrankung selbst, auf die Symptome, auf den Fitnesszustand sowie auf die Lebensqualität der Betroffenen. Stillstand sei am verheerendsten. Nach Operationen rät Hofmann, so schnell wie möglich wieder aktiv zu werden, und nennt dazu ein weiteres Beispiel: „Für wissenschaftliche Studien wurden Intensiv-PatientInnen mittels neuromuskulärer Elektrostimulationen bewegt, also gewissermaßen trainiert. Mit dieser kombinierten Therapie konnte die Aufenthaltsdauer auf der Station signifikant verkürzt werden.“
Klare Zusammenhänge beschreibt der Forscher auch zwischen Leistungsfähigkeit und Depression. Inaktivität sei mitunter eine der möglichen Ursachen der psychischen Erkrankung, der Fitnesszustand der betroffenen Person ein möglicher Regulator.


Kein Fleiß, kein Preis 
So viele Vorteile, klare Bewegungsangaben, und doch liegt die Aktivität von 50 Prozent der EuropäerInnen unter den Empfehlungen. Der leistungsorientierte Zugang, falsches Training und damit meist eng verbunden ausbleibender Spaß sind laut dem Trainingswissenschafter Gründe dafür. „Schon in der Schule wird beispielsweise beim Ballspielen durch das Wählen der Mannschaften nach Leistung selektiert. Für die zum Schluss aufgerufenen Kinder kann es ein einschneidend negatives Ereignis sein.“ Ablehnung von Sport, allgemein von Bewegung kann die Folge davon sein. Man müsse auf andere Weise und vor allem zielgruppenspezifisch motivieren. Hofmann: „Durch das Verwenden von Geschichten im Bewegungsunterricht kann bei Heranwachsenden Begeisterung geschaffen werden. Zum Beispiel kann man den Turnsaal in einen Dschungel verwandeln und der Phantasie freien Lauf lassen. Bei Erwachsenen sind es natürlich andere Anreize.“ Oft bleibt bei ihnen der Spaß aus, weil sie von Beginn an zu intensiv und zu umfangreich trainieren. Durch das beliebte Motto „no pain, no gain“ sind zwar kurzfristige Effekte erzielbar, es braucht aber vor allem Regelmäßigkeit und Langfristigkeit. Die Summe der körperlichen Betätigungen mache es aus. Täglich eine Stunde spazieren anstatt einmal pro Woche High-Intensity-Training ist laut dem Forscher vernünftiger.


Wann Sport doch Mord ist. 
„Sport ist vor allem dann schädlich, wenn man ihn nicht betreibt. Inaktivität ist ein wissenschaftlich gesicherter Risikofaktor, eine Überbelastung bei gesunden Personen fast unmöglich“, betont Hofmann. Extreme Umwelteinflüsse, wie Kälte und Höhe beim Bergsteigen, enorme Druckverhältnisse beim Tauchen oder risikoreiche Unternehmungen machen Aktivitäten erwartungsgemäß gefährlich. „LeistungssportlerInnen bereiten sich meist jahrelang auf solche Bedingungen vor und können sie daher ausreizen. Freizeitsport-Treibende gehen meist erst gar nicht so weit.“ Der Forscher gibt außerdem zu Bedenken, wie viele Menschen täglich Sport betreiben – ohne größere Zwischenfälle. Verletzungen resultieren meistens aus mangelnder Vorbereitung und fehlendem Training. „Über die Benefits des Alltäglichen wird zu wenig berichtet, der Herzinfarkt eines einzelnen Profi-Fußballers bekommt aber eine große Bühne. Das verzerrt das Bild und gibt dem Leistungssport eine viel zu hohe Bedeutung", kritisiert Hofmann.
 „Spitzensport ist wahrscheinlich das größte Experiment der Menschheit und liefert Einblicke, die in Studien nicht erhebbar wären. Wissenschaftliche Studien mit Belastungen, wie solchen der Tour de France oder der Abfahrt auf der Streif, hätten sicher Schwierigkeit, von einer Ethikkommission genehmigt zu werden. Wir wissen daher insbesondere im Wettkampfbereich sehr genau, was der Mensch aushält und wo seine oberen Leistungsgrenzen liegen“, sieht der Forscher auch Benefits für seine Arbeit. Durch Kenntnisse aus der Obergrenze können Empfehlungen für den Alltag abgeleitet werden, die eine positive Wirkung erzielen. Die Untergrenze, also Inaktivität, ist aber viel gefährlicher. „Die Bedeutung von moderater körperlicher Aktivität für Gesundheit und Wohlbefinden muss viel stärker im Bewusstsein der Bevölkerung verankert werden“, rät der Experte. „Nichts zu tun, ist der größte Fehler!“

Peter Hofmann ist Universitätsprofessor und Experte für Trainingswissenschaften am Institut für Bewegungswissenschaften, Sport und Gesundheit. Als Schirennläufer machte er seine persönlichen Erfahrungen im Leistungssport.

von Christina Koppelhuber

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