1/2021
UNIZEIT
10/13

Es lebe der Sport

Unverschämt hohe Transfersummen, schwere Verletzungen, Doping und Umweltzerstörung: Der Spitzensport bewegt sich ganz oft an der Grenze zwischen bewundernswerter Leistung und offenbarer Verantwortungslosigkeit. Ist das alles ethisch noch vertretbar? Ein besonderer Blick auf die Dinge von Nachwuchsforscher und Ex-Fußballschiedsrichter Thomas Gremsl.


„Wenn ana bei da Zwisch’nzeit si’ zwonglos von an Schi befreit ... , sang Reinhard Fendrich 1982 in seinem Hit Es lebe der Sport. Das Lied ist aktuell wie nie: Viele Entwicklungen ringen interessierten BeobachterInnen oft nur mehr ein Kopfschütteln ab. Wenn 222 Millionen Euro für einen einzigen Fußballer – nämlich den Brasilianer Neymar für seinen Wechsel von Barcelona nach Paris – bezahlt werden oder todesmutige Skifahrer in die Fangnetze der Kitzbüheler Streif stürzen, drängt sich selbst vielen Fans die Frage auf: „Sind denn die alle noch normal?“ 
„Es kommt wie überall auf den Blickwinkel an“, relativiert der Ethiker Thomas Gremsl. Die hohen Geldsummen im Profisport etwa unterliegen privatwirtschaftlichen Mechanismen. „Es geht hier um die Bindung eines Spitzensportlers an den Verein, um eine langfristige Planbarkeit“, so der Wissenschafter. Da ein SportlerInnendasein generell nur kurz ist, sei es durchaus legitim, scheinbar unverhältnismäßig viel zu verdienen. „Ein Profifußballer muss nach dem Ende seiner Karriere im Grunde genommen ausgesorgt haben. Deshalb versucht er auch, in einer begrenzten Zeit das Maximum herauszuholen.“ Außerdem sei Spitzensport nur durch eine spezielle Förderung von besonderen Talenten möglich, was mit hohem finanziellen Aufwand verbunden sei. Hier gebe es auch wenig moralische Schwierigkeiten, weil die SportlerInnen von sich aus „wollen“ müssten und nicht gezwungen würden. Bedenklich werde es beispielsweise, wenn man Kindern aus ärmeren Ländern vermeintliche Perspektiven aufzeigt, um sie nach Europa zu locken. „Diese jungen Menschen kennen das System noch nicht, haben kein Bewusstsein und keine Vorstellung, was sie erwartet. Da könnte man dann tatsächlich von Ausbeutung sprechen“, macht Gremsl den Unterschied deutlich.


Moderne Gladiatoren
„Die Todgeweihten grüßen dich“, sagten schon die Gladiatoren zu Cäsar im alten Rom, wenn sie zu ihren Kämpfen in eine Arena getrieben wurden. Ähnlich könnte man auch ExtremsportlerInnen der Gegenwart sehen, wenn ihre Formel-Eins-Boliden an Boxenmauern zerschellen oder sie per Basejump verbotenerweise von Hochhäusern springen. „Diese AthletInnen setzen sich bewusst über alle Grenzen hinweg“, erklärt Gremsl. Damit würden für sie aber andere Rahmenbedingungen gelten. „Es muss immer schneller, spektakulärer und cooler werden.“ Auch hier sieht der Forscher nur bedingt ein moralisches Dilemma. „Solange die handelnden Personen selbst darüber bestimmen, ist das grundsätzlich in Ordnung.“ Denn die Gesellschaft lebe von Eigenverantwortung und Selbstbestimmung, das gelte ebenfalls für den Extremsport. Problematisch werde es aber dort, wo der Druck der Medien, der Fans oder der Gesellschaft so hoch wird, dass quasi über das Schicksal der SportlerInnen verfügt werde. „Dann ist definitiv eine Grenze überschritten“, geht es Gremsl um das in der Ethik stets geforderte „richtige Maß“.


Tablettenturbo
Dieses Maß scheint bei SportlerInnen verloren gegangen, die bewusst zu leistungssteigernden Mitteln greifen. Denn Doping widerspreche der Natürlichkeit der sportlichen Leistung, sei nachweislich gesundheitsschädigend und verstoße gegen die Chancengleichheit. „Wobei man auch hier weiter differenzieren muss, vor allem zwischen Wettkampf- und Freizeitsport.“  Während bei ersterem auch der Betrugsaspekt im Raum steht, und Doping damit dem fairen sportlichen Wettkampf entgegensteht, haben das Argument der Chancengleichheit oder der Betrugscharakter aus Gremsls Sicht im Breitensport nicht mehr so viel Gewicht. So stehe hier eher der Aspekt der Gesundheitsgefährdung im Mittelpunkt. „Grundsätzlich gilt es aus sportethischer Sicht einen Bewusstseinsbildungsprozess bei den AthletInnen zu fördern, sie auf diese Themen zu sensibilisieren und danach zu fragen, wie der Einsatz dieser Substanzen wirksam reguliert werden kann – zum Wohle der AthletInnen und des Sports“, ergänzt Gremsl. 


Versetzte Berge
Auf die Umweltsünden angesprochen, die der Sport verursacht, wird der Forscher nachdenklich. Denn wo die ansässige Bevölkerung delogiert wird, und ArbeiterInnen unter sklavenähnlichen Verhältnissen an Fußballstadien in der Wüste arbeiten müssen, würden definitiv Grenzen überschritten. „Es geht in der Ethik nämlich nicht um „Ja“ oder „Nein“, sondern vielmehr um „Mehr“ oder „Weniger“. Es geht, wie erwähnt, um das richtige Maß. Wir werden leider nicht dazu erzogen, mit der Macht des ständigen technischen Fortschritts angemessen umzugehen, vergessen oftmals, dass wir damit auch tatsächlich Verantwortung für unsere Handlungen zu tragen haben. Wir meinen, alles machen zu müssen, wozu wir in der Lage sind – einfach, weil wir es können. Und das ist eines unserer größten Probleme“, so Gremsl. „Denn prinzipiell kann Ethik helfen, Perspektiven für eine positive Fortentwicklung des Sports zu eröffnen. Der Mensch und dessen sportliche Leistungen sollten im Mittelpunkt bleiben und nicht von wirtschaftlichen, politischen oder anderen Aspekten verdrängt werden.“

Thomas Gremsl ist Universitätsassistent am Institut für Ethik und Gesellschaftslehre und befasst sich in seiner Forschung unter anderem mit Sozialethik, Ethik der Digitalisierung und der Technik mit Fokus auf soziotechnische (KI-)Systeme sowie mit Sportethik – insbesondere Fußball.

von Joachim Hirtenfellner

 Führungs-Kraft 

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